Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

seit  1220  ebenfalls  in  der  Volkssprache  beglaubigten,57  und  es  sei  an  die  schon
im  zweiten  Viertel  des  13.  Jahrhunderts  in  stattlicher  Zahl  nachgewiesenen,  teils
an  kirchlich-klösterliche  Schreibstätten  gebundenen,  teils  kanzleiunabhängig  arbeitenden
  Schreiber  erinnert,58  die  mit  der  Ausfertigung  altfranzösischer
Dokumente  in  einer  Weise  vertraut  waren,  wie  sie  für  den  fraglichen  Zeitraum
sonst  vermutlich  nur  für  die  großen  Handelsstädte  des  Nordens  und  des
Südwestens  unterstellt  werden  kann.59  Eine  eigentliche  skriptologische  Untersuchung
  speziell  der  außerordentlich  zahlreich  erhaltenen  Metzer  Urkundenüberlieferung
  des  13.  und  14.  Jahrhunderts  ist  freilich  bisher  nur  in  Ansätzen
versucht  worden,60  was  in  erster  Linie  mit  dem  Publikationsstand  des
zugrundezulegenden  Materials  zusammenhängt,  das  über  zahlreiche  Archive
und  Bibliotheken  verstreut  und  in  den  seltensten  Fällen  in  Editionen  veröffentlicht
  ist,  die  dem  heutigen  philologischen  Standard  genügen.61  Gesicherte
Aussagen  zu  spezifischen  Eigenheiten  der  Metzer  Schreibsprache  sind  also  derzeit
  eigentlich  nur  im  graphematischen  und  -  mit  gewissen  Einschränkungen  -
im  morphosyntaktischen  Bereich  möglich,  wo  mit  den  zuverlässigen  Editionen
der  Metzer  Bannrollen  des  13.  und  14.  Jahrhunderts  gearbeitet  werden  kann.62
Diese  stellen  freilich  keine  Volltexte  dar  und  sind  daher  für  eine  lexikographische
  Dokumentation  und  Interpretation  des  eigentümlichen,  von  zahlreichen
Archaismen  geprägten  Wortschatzes  des  Metzer  Landes63  kaum  geeignet,  der
eine  eventuelle  Sonderstellung  der  postulierten  „zone  messine“  sehr  viel  deutlicher
  hervortreten  ließe  als  dies  jede  graphematische  Analyse  vermag.  In  ihren
historischen  Dimensionen  schwer  zu  dokumentieren  sind  beim  derzeitigen
Kenntnisstand  auch  die  zahlreich  vorhandenen  Germanismen  in  den  Dialekten
dieser  Gebiete,  die  sich  -  wie  übrigens  auch  die  vielleicht  noch  augenfälligeren
romanischen  Entlehnungen  in  den  östlich  der  Sprachgrenze  anschließenden
rhein-  und  moselfränkischen  Mundarten64  -  zu  einem  nicht  unerheblichen  Teil
einem  Jahrhunderte  wirkenden  Sprachkontakt  verdanken  und  damit  die  Hypothese
  einer  kulturvermittelnden  Funktion  dieses  sprachgrenznahen  Raumes
stützen.

57  Hierzu  Cahen:  „Amandellerie“.  Die  letzte  im  Namen  der  Stadt  ausgestellte  lateinische
Urkunde,  welche  sich  auf  innerstädtische  Angelegenheiten  bezieht,  datiert  aus  dem  Jahr
1226,  vgl.  Mendel:  Atours,  Urkundenübersicht  Nr.  39;  Herrmann:  „Volkssprache“,  S.
133.
58  Vgl.  Cahen:  „Ecrivains“,  s.  67-101.
59  Vgl.  z.B.  Reichert:  „In  lingua  Guallica",  S.  403.
60  Vgl.  jetzt  Pitz:  „Originalurkunden“.
61  Eine  freilich  lückenhafte  Übersicht  über  das  auszuwertende  Material  bieten
Frank/Hartmann:  Inventaire,  Bd.  4,  S.  201-298;  sie  wird  für  Metz  jetzt  ergänzt  durch  den
Quellenanhang  bei  Pitz:  „Originalurkunden“.
62  Vgl.  Wichmann:  Bannrollen',  Dosdat:  Documents.
63  Vgl.  z.B.  Pfister:  .Altromanische  Relikte“;  Hubschmid:  „Ortsnamenforschung“.
64  Vgl.  Post:  Entlehnungen.

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