Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Aus  verschiedenen  Gründen  tun  sich  Philologen  relativ  schwer,  zu  solchen
Problemen  Stellung  zu  nehmen.  Natürlich  ist  die  kulturvermittelnde  Rolle  der
romanophonen  Reichsstadt  Metz  im  literarischen  Bereich  immer  wieder  herausgestellt
  worden,49  wenngleich  sie  -  soweit  ich  sehe  -  gerade  für  die  entscheidenden
  Zeiträume  des  ausgehenden  12.  bis  14.  Jahrhunderts,  als  die  Stadt  zu  einer
  bedeutenden  Handelsmetropole  avancierte50  und  Metzer  Financiers  nicht
nur  dem  umliegenden  romanophonen  Adel,  sondern  auch  den  führenden
Familien  des  Westrich  aus  ihren  Geldnöten  halfen,51  als  die  Macht  des  Bischofs
in  der  Stadt  abnahm52  und  deren  Geschicke  weitgehend  in  die  Hand  des
Patriziats  gelegt  wurden,53  bisher  nicht  monographisch  dargestellt  worden  ist.
Unumstritten  ist  auch,  daß  in  der  Stadt  selbst  mit  einer  außerordentlich  frühen
Entfaltung  der  volkssprachigen  Schriftlichkeit  zu  rechnen  ist,54  deren
Anwendung  als  neue  Kulturtechnik  hier  außerordentlich  interessante  Verläufe
zeigt.  Es  sei  zum  Beispiel  daran  erinnert,  daß  in  Metz  quasi  gleichzeitig  mit
der  städtischen  Verwaltung,  nämlich  mindestens  seit  1220,  auch  Vertreter
kirchlicher  Instanzen,  insbesondere  die  hoch  gebildeten  Notare  der  bischöflichen
  Kanzlei,  mit  der  Redaktion  volkssprachiger  Urkunden  begannen,55 *  ja  daß
diese  Kanzlei  sogar  als  selbständige  Behörde  mit  eigenen  Einkünften  und
Pfründen  funktionierte,  deren  Schreiber  im  Dienste  der  unterschiedlichsten
Urkundsparteien  tätig  wurden.50  Die  Rolle  der  Bischofskanzlei  kam  hier  also
letztlich  der  eines  öffentlichen  Notariates  gleich.  Es  sei  auch  auf  die  städtischen
Amandellerien  verwiesen,  die  Grundstücks-  und  Darlehensgeschäfte  mindestens

49  Vgl.  z.B.  Racine:  Lorraine,  S.  78:  „Metz  est  le  grand  centre  culturel  lorrain  du  XlIIe
siècle“,  S.  81:  „La  ville,  plus  que  les  cours  pondères  accueille  trouvères  et  poètes  qui
écrivent  en  langue  romane  pour  un  milieu  urbain“;  Parisse:  Noblesse  lorraine,  S.  768:  „Ce
n’est  pas  la  Lorraine  ducale,  c’est  la  Lorraine  messine,  celle  où  se  rencontre  le  milieu
bourgeois  le  plus  dynamique  [...]  le  plus  attiré  par  les  jeux  intellectuels  [...]  On  ne  saurait
guère  éviter  de  voir  dans  ce  glissement  du  centre  de  l’action,  de  la  Champagne  vers  Metz,
une  preuve  supplémentaire  de  l'influence  littéraire  qui  se  propage  dans  la  même  direction
que  l’art  gotique  et  les  institutions  féodales.  La  dominante  messine  l’emporte  aussi  avec  la
poésie  lyrique.  C’est  aux  grandes  familles  du  patriciat  que  l’on  doit  certainement  les
manuscrits  les  plus  riches  en  chansons“.
50  Vgl.  Schneider:  Metz,  S.  171-310;  Parisse:  Lotharingien,  S.  17lff.;  Le  Moigne:  Metz,  S.
138-166.
5^  Herrmann:  „Verbindungen“,  S.  169.  Freilich  tritt  Metz  auch  hinsichtlich  der
wirtschaftlichen  Orientierung  des  Westricher  Adels  seit  dem  ausgehenden  14.  Jahrhundert
mehr  und  mehr  in  den  Hintergrund,  während  Straßburg  an  Bedeutung  gewinnt.
52  Vgl.  Parisse:  Lotharingien,  S.  172ff.
53  Vgl.  Schneider:  Metz,  S.  149ff.
54  Dazu  jetzt  ausführlich  Pitz:  „Originalurkunden“.
55  Acht:  Cancellaria,  S.  50ff.;  Pitz:  „Originalurkunden“.
50  Acht:  Cancellaria,  S.  34ff.  58.  69.

101
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.