Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

rechte  Kontaktzone,  in  der  die  sonst  allenthalben  vorhandenen  sprachlich-kulturellen
  Barrieren  zumindest  wesentlich  reduziert  erscheinen.43  Das  ändere  aber
nichts  daran,  daß  der  Sprachunterschied  überall  fundamentale  Abgrenzungen
erzeuge,  weshalb  in  den  von  der  Sprachgrenze  durchschnittenen  Territorien  auf
der  mittleren  Verwaltungsebene  schon  früh  Strukturen  geschaffen  wurden,  die
dieser  Situation  Rechnung  trugen.44
Gerade  in  den  letzten  Jahren  werden  solche  Modelle,  die  ja  auch  ein  interessantes
  Licht  auf  die  komplexe  Problematik  der  Entstehung  der  europäischen
Nationen  im  Mittelalter  werfen,  von  historischer  Seite  recht  lebhaft  diskutiert
bzw.  aus  unterschiedlicher  Perspektive  differenziert;  man  denke  etwa  an  die
kürzlich  vorgenommene  Analyse  der  Besitzverteilung  und  der  personellen
Zusammensetzung  des  Konvents  und  des  Schenkerkreises  der  quasi  rittlings  auf
der  Sprachgrenze  -  also  wenn  man  so  will  an  kulturentscheidender  Stelle  -  angesiedelten
  Zisterzienserabtei  Weiler-Bettnach,  die  den  Eindruck  einer  tiefen
Kluft  zwischen  romanischem  und  germanophonem  Lothringen  nicht  bestätigen
konnte.45  Vielmehr  scheint  hier  die  Sprachenfrage  weder  bei  der  Wahl  der
Äbte  und  Konventualen  noch  bei  den  Handelsaktivitäten  oder  der  Besitzverwaltung
  des  Klosters  eine  große  Rolle  gespielt  zu  haben,  so  daß  es
tatsächlich  naheliegt,  im  Sprachgrenzbereich  zumindest  den  führenden  Familien
eine  doppelte  Sprach-  und  Kulturkompetenz  zuzugestehen.46  Obwohl  im
Urkundenbestand  der  Abtei  „trotz  aller  qualitativen  Unzulänglichkeit  der
Überlieferungslage  [...]  französische  Urkundentexte  gegenüber  deutschen  erheblich
  in  der  Überzahl  sind“,47  kommt  freilich  die  Mehrzahl  sowohl  der
Konventualen  als  auch  der  Gönner  von  Weiler-Bettnach  gerade  nicht  aus  der
weiter  oben  postulierten  Kontaktzone  des  pays  messin,  sondern  aus  dem  germanophonen
  Gebiet.48  Man  wird  nach  diesem  Befund  zumindest  über  bestimmte
noch  näher  einzugrenzende  Zeiträume  auch  bei  Teilen  des  Westricher  Adels
von  einer  großen  kulturellen  Anziehungskraft  des  Französischen  ausgehen  dürfen,
  die  kulturvermittelnd  wirkte  und  letztlich  zur  Folge  hatte,  daß  in  bestimmten
  Schreibstätten  das  Französische  für  die  Redaktion  rechtlich  bindender
Vereinbarungen  und  für  die  administrative  Kommunikation  mehr  oder  weniger
verbindlich  wurde.

43  Parisse:  Noblesse  et  chevalerie,  S.  61:  „II  y  a  une  très  large  zone  de  contact  autour  de
Metz,  et  à  partir  de  la  limite  des  langues“.
44  Hierzu  ausführlich  Herrmann:  „Volkssprache“,  S.  160f.;  Karpf:  „Sprachgrenze“,  S.  170f.,
182f.;  Reichert:  Landesherrschaft,  Bd.  II,  S.  637-644;  Reichert:  „In  lingua  Guallica“,  S.
391  ff.
45  Vgl.  Trapp:  Weiler-Bettnach,  S.  356-359.
46  So  auch  Herrmann:  „Volkssprache“,  S.  153,  der  „dem  Westricher  Adel  [...]  auch  noch  im
frühen  14.  Jahrhundert  eine  Zweisprachigkeit  zuerkennen  möchte“;  Reichert:  „In  lingua
Guallica“,  S.  473.
47  Trapp:  Weiler-Bettnach,  S.  358.
48  Vgl.ebd.  S.  134ff.,  356f.

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