Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

werden sich über die inhaltliche Ebene hinaus vor allem mit der Frage beschäftigen, in 
welcher Weise die Form- und Farbkomposition die Bilderzählung zum Ausdruck bringt. 
Eine Gegenüberstellung zweier sehr unterschiedlicher Illustrationszyklen zur ,Historie 
von Herzog Herpin‘ in den Handschriften in Heidelberg (Universitätsbibliothek, Cod. Pal. 
Germ. 152) und Wolfenbüttel (Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 46 Nov. 2°) soll 
verschiedene Möglichkeiten der Gestaltung vorführen. 
Ich beginne mit der Heidelberger Handschrift, weil die Darstellungen unseren neuzeitli¬ 
chen Sehgewohnheiten weniger fremd sind als die älteren Beispiele in Wolfenbüttel. Mit 
insgesamt 260 kolorierten Federzeichnungen verfügt der Heidelberger ,Herpin‘-Roman 
über ein sehr ausführliches Bildprogramm in relativ dichter Folge. Ute von Bloh hat in ih¬ 
rem Kommentar zur Mikrofiche-Edidon3 bereits Wesentliches zum Bildprogramm erar¬ 
beitet. Bild- und Texterzählung sind in der Regel eng miteinander verknüpft, so daß sich 
für beide übereinstimmende Schwerpunktthemen ergeben. Die Bilder stellen meist nur ein 
einziges präzises Erzähimoment dar. Nur selten finden sich Hinweise über die zeitliche 
und räumliche Dimension der Darstellung hinaus. Wenn eine Entwicklung in der Zeit 
zum Ausdruck gebracht werden soll, verteilt der Maler dies auf eine Bildfolge, wie bei¬ 
spielsweise die verschiedenen Etappen des Kampfes der Herzogin mit dem Riesen auf 
fünf Zeichnungen zwischen f. 21v und f. 25. Dabei wird die Umgebung stets mit ähnli¬ 
chen Motiven in leichten Variationen gezeigt, was als ein Indiz für den gleichen Hand¬ 
lungsort gelten soll. Dies ist eine seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in flämischer und 
französischer Buchmalerei durchaus gängige Erzählpraxis, ebenso auch die von Bloh be¬ 
obachtete Kennzeichnung der Hauptfiguren durch gleichbleibende Kleidung, die ihre I- 
dentifizierung über den gesamten Zyklus erlaubt4 5. In den einzelnen Bildern ist die Umge¬ 
bung der Figuren ohne überflüssige Details gegeben und trägt zu einer „prägnanten Mit¬ 
teilung der Inhalte“3 bei. 
Die Federzeichnung auf f. 21 v des Heidelberger Tlerpin’ (Abb.50) hat zum Thema, was 
auch der zugehörige Titel formuliert: , Wie die her^ogin gewapent dem risen kam vnd In slajfen 
fanf6. Im vorangehenden Abschnitt wird beschrieben, wie die Stadt Toledo von dem 
feindlichen König Marsilius belagert wird. Zu seinem großen Heer gehört auch ein Riese. 
Die Herzogin, die sich als Mann verkleidet im Palast des Königs als Küchenjunge ver¬ 
dingt, erhält im Traum den göttlichen Auftrag, den Riesen in einem Kampf zu töten. Die 
Szene entwickelt sich sehr groß entlang des unteren Bildrandes. Die etwas schräg liegende 
Figur des Riesen nimmt nahezu die gesamte Breite des Bildfeldes ein. Parallel neben ihm 
liegt ein Beil, das ihm dadurch anschaulich zugeordnet ist. Der Riese stützt den Kopf auf 
seinen rechten Arm, eine gebräuchliche Formel für Schlaf. Auch im Schlaf trägt er seine 
komplette Rüstung samt Helm, weshalb seine Gesichtszüge nicht zu erkennen sind. Wie 
3 von Bloh, Ute: Historie von Herzog Herpin. Codices illuminati medii aevi 17, München 1990. 
4 Eine genaue Auflistung der Zuordnung der Gewänder bietet der Kommentar bei von Bloh (wie Anm. 3) 
auf S.43. 
5 von Bloh (wie Anm. 3), S. 42. 
6 Zitiert nach der Rubrikenliste bei von Bloh (wie Anm.3), S. 48. 
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