Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

wird. Der Textteil beginnt mit dem Trierer Kalendarium, es folgen die Bußpsalmen und 
die Totenvigil. Von fol. 102r bis 123v sind die ‘Witwenregeln’ eingeschoben: jener ur¬ 
sprünglich an Margarethens Mutter Elisabeth gerichteter Brief zum Tode ihres Mannes 
und über die Witwenschaft. Ab fol. 124 bis fol. 166 folgen unterschiedliche Gebete und 
Betrachtungen33. An sich ist dieser Inhalt eines Gebetbuches für eine adelige Besitzerin 
nichts ungewöhnliches. Ungewöhnlich — und bislang nur noch in einem weiteren Gebet¬ 
buch nachweisbar, dazu gleich mehr — ist dessen Einband. Öffnet man den wohl zeitge¬ 
nössischen Lederband, findet man zunächst, fest mit dem Einband verbunden, eine 
Holzkassette vor, in die die 68 Miniaturen als einseitig bemalte Einzelblätter ebenfalls fest 
eingebunden sind. Der Textband schließt sich an. Vom Inhalt her ergänzen sich Text- 
und Bild teil. Die Passion Christi etwa, die im Textteil kaum berücksichtigt wird, ist durch 
mehrere Bilder vertreten. Die Gebrauchssituation der bibliophilen Kostbarkeit ist ein¬ 
leuchtend: nicht nur durch die Texte sollte sich Margarete betend in die geschilderten Si¬ 
tuationen vertiefen, sondern mehr noch durch die Bilder, die in der Einzelbetrachtung — 
ohne Beeinflussung durch vorgegebene Texte — als Meditationsgrundlage dienen konnten. 
Anders als es Konrad Kratzsch, der die Weimarer Handschrift 1968 (2. Auflage 1978) in 
einem populären Büchlein vorstellte, annahm, gibt es eine solche Zusammenstellung einer 
Gebetbuchhandschrift mit einem separaten Bildteil noch einmal: in der jetzt in Einsiedeln 
liegenden ehern. St. Galler Handschrift Cod. 285 mit Texten nach Hildegard von Bingen, 
in Auftrag gegeben vom St. Galler Abt Ulrich Rösch im Jahr 147234. 
Durch „harte Fakten“ kann es zwar nicht bewiesen werden, aber die Ansicht sei zumin¬ 
dest formuliert, daß die Gebetbuchhandschrift der Margarete von Rodemachern durchaus 
in der Moselgegend gefertigt sein könnte. Einzelheiten wie etwa die Goldrautenmusterung 
der Teppiche begegnen ähnlich in der älteren Trierer Buchmalerei im ausgehenden 14. 
und beginnenden 15. Jahrhundert. Auch dort bereits deutlich als Übernahmen aus den 
Vorlagen französischer Buchmalerei kenntlich, kann man solche stilbewahrenden, retro¬ 
spektiven Ausstattungsmerkmaie über viele Jahrzehnte nachweisen. 
Wie der Überblick gezeigt hat, gibt es für die frühen Elisabeth-Codices bis in die 1460er 
Jahre immerhin doch einige künstlerische Beziehungen nach Trier und somit in die unmit¬ 
telbare Umgebung ihrer Residenz Saarbrücken. Anders wird es bei den nun folgenden 
Gruppen der Hamburger und Heidelberger Handschriften. Hier ist auffällig, daß die Co¬ 
dices nun nachweisbar nichts mehr mit der engeren künstlerischen Umgebung der Elisa¬ 
beth — Kunst im Saarbrücker, Trierer oder Metzer Land — zu tun haben. Nun werden 
33 Hierunter fallt eine kleine Miniatur des Schweißtuches auf Leder auf, die „den Eindruck eines Importes 
vom Südosten Europas“ macht (Schenk, 138 Anm. 18). Zu Andachtsbildern auf Leder vgl. Krönig, 
Wolfgang: „Rheinische Vesperbilder aus Leder und ihr Umkreis“, in: Wallraf-RJchart^-Jahrbuch 24 (1962), 
S. 97-192. 
34 Zur Hs. vgl. Ochsenbein, Peter: Orationale des St. Galler Abtes Ulrich Rösch. Farbmikrofiche-Edition der Hand¬ 
schrift Einsiedeln, Stiftsbibliothek, Cod. 285. Einführung zum Gebetbuch und kodikologische Beschrei¬ 
bung. Codices illuminati medii aevi 42. München 1996; Ders.: Beten mit Bild und Wort. Der Meditations-Zyklus 
der Hildegard von Bingen nach der Handschrift für den St. Galler Abt Ulrich Rösch. Codex Einsidlensis 285: Devotio- 
nalepulcherrimum, Zürich 1996. 
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