Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

den59. Der gleichen frühen ‘Germania Romana’ möchte ich eigentlich auch (Nr. 44) oblet¬ 
ter, oblater (von der Prosafassung akzeptiert!) < lat. oblatarius analog afrz. oublaier „Oblaten¬ 
bäcker, Bäcker“ zuweisen, das sich (außer in Familiennamen) offenbar nirgendwo erhalten 
hat: 
(44) obletter (v. 2541, 10348 : oublaier) „Oblatenbäcker“ (h obleter, d obletter; oblater); dazu dt. 
Familienname Obletter < lat. oblatariur, vgl. frz. oubloier (13. Jh.) „celui qui fait et vend 
les oublies“. 
Ganz allgemein auf die Sprachgrenze verweist eine Gruppe von vier nur hier (und allen¬ 
falls bei Elisabeth) belegten Wörtern: 
(45) florette f. (v. 2886) „Blümchen“ (d Monte) < zitz. florete „Blümchen“. 
(46) gofferm. (v. 9480) „Abgrund, Schlund“ (d goeffer) < afrz. gofre „abîme“ (v. 10623 wird li 
goujres in gastronomischer Bedeutung mit esse-sack verdeutscht). 
(47) proveance f. (v. 9532: pourveance) „Vorrat“ (h, d proviantf < afrz. pourveance „approvisi¬ 
onnement“ (sonst mhd. proviant < it. provianda f.); auch bei Elisabeth dieproueance vnd 
lebe^uchtbzvt. p. vnd libnarunge (Sibylle 152,3; Huge Scheppel 54r- 54v; 54vb, 46). 
(48) saß-schussel (v. 10568: saucierê) „Soßenschüssel“ (d saßschussel) < lat. salsa- mit ostfrz. 
Verstummen von [1] vor Konsonant (Malmedy sas , Lüttich sace, Meurthe-et- 
Moselle, Moselle sas, Montbéliard sace). 
Von diesen Wörtern war vielleicht florette „Blümchen“ < afrz .florete (Nr. 45) ebenfalls eine 
lokal begrenzte Übernahme, da sie (x) nicht akzeptiert und durch blome ersetzt. Dagegen 
erscheint goffer „Abgrund, Schlund“ aus afrz. gofre „abîme“ (Nr. 46) auch in d (und zwar 
mit Langvokal) und auch ohne die bereits altfranzösische gastronomische Bedeutungser¬ 
weiterung; ebenso proveance, proviant% „Vorrat“ < afrz. pourveance (Nr. 47), das Elisabeth 
noch kennt, das sich aber sicherlich wegen der allzu großen Ähnlichkeit des aus it. provian¬ 
da endehnten mhd. proviant nicht halten konnte60. Das gilt auch für Nr. 48 saß „Soße“ < 
lat. salsa, das gegenüber dem aus zentralfranzösischem sauce endehnten frühneuhochdeut¬ 
schen soße (bei dem in Paris studiert habenden Konrad von Megenberg, 14. Jh., die Vari¬ 
ante sobsse) unterlag, aber ganz deutlich die ostfranzösische Abkunft verrät, und zwar 
durch den Schwund des [1] vor folgendem Konsonanten. 
59 Vgl. Haubrichs, Wolfgang: „Lautverschiebung in Lothringen. Zur althochdeutschen Integration vorger¬ 
manischer Toponymie der historischen Sprachlandschaft zwischen Saar und Mosel“, in: Rolf Bergmann 
/ Heinrich Tiefenbach / Lothar Voetz (Hgg.): Althochdeutsch, Heidelberg 1987, Bd. 2, S. 825 - 875, hier S. 
130f. Weiteres findet sich bei Post (wie Anm. 50). In diese frühe Lehnwortschicht sind auch viele loth¬ 
ringische, aus Flurnamen rekonstruierbare Entlehnungen einzubeziehen, z.B. a. 1524 aus einem deut¬ 
schen Grundbuch in St. Medard bei Marsal Prattet < pratella „kleine Wiese“, Fünthel < fontella „kleine 
Quelle“. Vgl. Witte, Hans: Das deutsche Sprachgebiet Lothringens und seine Wandlungen von der Feststellung der 
Sprachgrenze bis Ausgang des 16. Jhs., Stuttgart 1894, S, 46. 
60 Vgl. Ising (wie Anm. 43), S. 124; Bichsei (wie Anm. 39), S. 45. 
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