Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

über die man sich genußvoll den Kopf zerbrechen konnte. Im repräsentativ ausgestatteten 
Straßburger Parzival-Druck von 1477 wurde der mittelhochdeutsche Text nicht moderni¬ 
siert. Er bewahre, meint Thomas Cramer, „die Würde des Alters auch auf Kosten der 
Verständlichkeit [...]. Mehr noch: die Altertümlichkeit der Sprache unterstreicht den Cha¬ 
rakter als Kultbuch, und die schwere Zugänglichkeit erhöht die quasi-mythologische Au¬ 
ra, die dem Auserwählten Vorbehalten ist“.52 Die alten Epen waren etwas für Kenner ge¬ 
worden. Aber von der leüt wegen die sbllicher gereymter buchen nicht genad haben, auch etlich die die 
kunst der rejmen nit aigentlich versteen kündent hab jch V'ngenannt dise Hystorj in die form gebracht, so 
begründet der Prosauflöser des Tristanromans, erschienen 1484 in Augsburg, sein Werk.53 
Die neuere Forschung neigt, wie ich meine, etwas zu sehr dazu, die Instrumentalisierung 
von Literatur und historischen Traditionen zu machtpolitischen Zwecken durch die Fürs¬ 
ten und den Adel im 15. und 16. Jahrhundert hervorzuheben. Es bekommt Literatur sel¬ 
ten gut, wenn sie an der kurzen Leine der Legitimation gehalten wird. Kaiser Maximilian 
I., der beispielsweise mit seinem ,Ambraser Heldenbuch‘ eine erlesene Sammlung alter 
volkssprachlicher Texte54 zusammenstellen ließ, mutierte auf diese Weise in der jüngsten 
Forschung vom rückwärtsgewandten Sonderling auf dem Thron zum kraftvollen Moder¬ 
nisieren55 
Gewiß war das Altertümersammeln in fürstlichen Kreisen im 16. Jahrhundert eine Art 
„Mode“, doch darf man deshalb die Ernsthaftigkeit des Bemühens einfach in Frage stel¬ 
len? Für das 15. Jahrhundert erscheint es mir sinnvoll, unvoreingenommen und ohne plat¬ 
ten Verweis auf die vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten des sogenannten Territorialisie¬ 
rungsprozesses auf die verstreuten Zeugnisse der zunehmenden Faszination und des Er¬ 
griffenseins von alten Gegenständen, Büchern und Texten zu achten. 
Auf dem Feld der ritterlichen Kultur ist das Wappenbuch des Konstanzer Patriziers Kon- 
rad Grünenberg aus den 1480er jahren ein besonders lehrreiches Beispiel. Es ist ein noch 
kaum gewürdigtes Dokument ritterlicher Erinnerungskultur, das, wie ich meine, sehr wohl 
mit den Bestrebungen Fuetrers und Püterichs am Münchner Hof verglichen werden kann. 
Die 1483 datierte Vorrede weist dem Terminus gedechtnus eine Schlüsselrolle zu. Um die 
Verdienste des Adels, die sich vor allem in seinen kirchlichen Stiftungen ausdrücken, im 
lichten Schein der gedechtnus zu behalten, so Grünenberg, habe er aus alten Turnierblättern, 
52 Cramer, Thomas: Geschichte der deutschen Literatur im späten Mittelalter, München 1990, S. 90. Von der „Fas¬ 
zination des Dunklen, Strengen und Esoterischen“ spricht Glier, Ingeborg: Art es amandi. Untersuchungen 
yu Geschichte, Überlieferung und Typologie der deutschen Minnereden, München 1971, S. 262. 
53 Tristan und Isolde (Augsburg bei Antonius Sorg, 1484). Mit einem Nachwort von Helga Elsner, Hildes¬ 
heim/Zürich/New York 1989, letzte Seite des Faksimiles. Vgl. auch Liepe, Elisabeth (wie Anm. 35), S. 
55f. 
54 Vgl. z.B. Glier, Artes (wie Anm. 52), S. 391. 
55 Auch die bemühten Versuche, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, ihren Gatten und ihren Sohn als be¬ 
sonders „modern“ zu erweisen haben nur wenig zum wirklichen Verständnis ihrer Zeit beigetragen, vgl. 
etwa Burchert, Bernhard, Die Anfänge des Prosaromans in Deutschland. Die Prosaeryählungen Elisabeths von Nas¬ 
sau-Saarbrücken, Frankfurt a. M./Bern/New York 1987. 
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