Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

stellt ist damit die vorbildliche liebe der Herzogin, aber die Durchsetzung dieses Lösungs¬ 
vorschlags wird ebenfalls verhindert, denn Florie weist das Angebot beschämt zurück.70 
Der unberechenbaren sexuellen Begierde ist damit Asexualität als nachahmenswert ge¬ 
genübergestellt, doch verbleibt dies im Status einer Forderung. Ausspekuliert sind im 
‘Herpin’ tatsächlich die bedrohlichen Fälle, die es unter Kontrolle zu bringen gilt. Gemäß 
den Polarisierungen ist jedoch vornehmlich die weibliche Sexualität anvisiert, denn die 
Texte sind aus einer dominant männlichen Perspektive konzipiert, aus der heraus sich die 
Problematisierung männlicher Sexualität erübrigt.71 
Die Texte erschaffen damit nicht nur den Unterschied der Geschlechter, sondern sie stüt¬ 
zen wirkmächtig auch Vorstellungen davon ab, was gelten soll. Sie sind — mit Judith But¬ 
ler gesprochen — eine Form autoritativen Sprechens, einbezogen in ein Geflecht aus Au- 
torisierung und Bestrafung, die im ständig sich wiederholenden Handeln gesellschaftliche 
Grenzen hervorbringen und disziplinieren.72 73 Über die stabilisierende Einübung hinaus, 
erweist sich dabei an den vier Epen, daß ldendtätskonzepte nicht nur als historische, son¬ 
dern auch als in stetem Wandel befindliche zu betrachten sind. Zur Herstellung von Iden¬ 
tität über repräsentative äußere Zeichen tritt im ‘Herpin’ gegenüber dem ‘Loher’ und der 
‘Sibille’ die Unverwechselbarkeit einer Person aufgrund von Ähnlichkeit hinzu. Die ‘He¬ 
raldik’ der vornehmen Körper, die traditionell auch auf adlige Abkunft und geburtsspezi¬ 
fische Qualitäten schließen läßt, verschiebt sich also auf weitere Indizien, und damit steht 
die Aussage im ‘Herpin’ in Zusammenhang, daß das küne hertge [Lewes] noch der cleydunge nit 
gu erkennen ist, dann es istjn dem HbeA Das Äußere eines Adligen bietet demnach im Unter¬ 
schied zu zahllosen anderen mittelalterlichen Geschichten kein sicheres Indiz für die Ein¬ 
schätzung einer Person. Die als genuin männlich entworfene Tapferkeit, über die ein Ad¬ 
liger gemeinhin verfügt und die sein Körper signalisiert, hat sich hier im Kampf erst noch 
zu bewähren. Die Beweiskraft konventionalisierter Zeichen, die direkt am Körper ange¬ 
bracht sind, ist damit zwar nicht grundsätzlich verworfen, aber es tun sich doch feine Ris¬ 
se auf hinsichtlich der ‘Lesbarkeit’ von Identität und der Macht allgemeingültiger, reprä¬ 
sentativer Zeichen.74 
70 Da fflory die hert^ogyn horte da slug sy ir heuht nieder vnd sprach liebe ffrouwe nit en nement is vor übel das ich myn hertye 
en wenich gein uch geuffent han / Dann myn lyp en kommet niemer me byyne Aber ich will mich gerne beraden bytyme 
dan ich glouben an got vnd an sin liebe müder der vmb vnsem willen an dem crut^egestorben ist (‘Herpin’, Wolfenbüt¬ 
tel Bl. 98A 
71 Es ist „immer die Sexualität der Frau, die konstituiert wird“, und zwar deshalb, „weil »man« der Mann 
ist“; zidert nach Laqueur (wie Anm. 10), S. 36. 
_2 Buder, Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Aus dem Amerikanischen von Ka¬ 
rin Wördemann, Berlin 1995, u.a. S. 297. 
73 So eine der Hofdamen zu Florentyne, die den armselig gekleideten Lewe im Turnier wahrnimmt (‘Herpin’, 
Wolfenbüttel, Bl. 29v). 
74 Mit einem fortschreitenden Prozeß hin zu einem Identitätsverständnis im heutigen Sinn lassen sich die 
Beobachtungen nicht verrechnen. Ingrid Hahn bringt unter einer anderen Fragestellung eine ganze Reihe 
von Beispielen dafür bei, in denen die mittelalterliche Zeichentheorie und „das Geheimnis der Einheit 
der Person, [...] Sein und Erscheinen, Zeichen und Sachverhalt“ auf hohem Niveau reflektiert wird. Vgl. 
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