Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

Männlichkeit gehören, sowie Tugenden, die mit vorbildlicher Weiblichkeit verbunden 
sind. 
Das Oszillieren zwischen männlichen und weiblichen Identifikationsstereotypen unter¬ 
scheidet sich allerdings von dem, was über Männer erzählt wird, denn Männer in Frauen¬ 
kleidern gibt es in diesen Epen nicht. Für das 16./17. Jahrhundert hat Stephen Greenblatt 
diese Tatsache damit begründet, daß „ein Übergang vom Männlichen zum Weiblichen 
ideologisch als ein Abstieg vom Höheren zum Niederen festgeschrieben war und damit 
als unnatürlich und sozial entwürdigend galt“.67 Auch in diesen Texten sind die sich mit 
jeder Verkleidung verbindenden Statusminderungen für den Mann nur innerhalb der Ge¬ 
sellschaftsordnung hinnehmbar, nicht aber innerhalb der Geschlechterordnung. Staffiert 
sich in anderen mittelalterlichen Dichtungen ein Mann mit Frauenkleidern aus, dann wird 
er entsprechend oft zum Objekt von Aggressionen oder er bezahlt dafür mit seinem Le¬ 
ben68: Der Körper wird so zum Träger der Erinnerung an den veranstalteten Widersinn. 
Die Verkleidungen haben insofern auch an der Hierarchisierung der Geschlechter und der 
Konstruktion von Geschlechterbestimmungen teil, die selbst unter den Maskeraden nicht 
verschoben, sondern nur befestigt werden. Wechseln in den hier untersuchten Epen 
Männer ihre Identität, dann ordnen sich die Maskeraden dem konfliktträchtigen Gefüge 
von Recht und Macht zu, an dem Frauen keinen Anteil haben. Die Aufspaltung der Frau¬ 
en in eine männliche und weibliche Identität ist insofern geradezu unerläßliche Bedingung 
dafür, handlungsfähig zu sein. Und selbst noch in der Verkleidung beschwören sie hier 
wie in anderen mittelalterlichen Texten vornehmlich das Problem der Sexualität herauf. 
Zumal die weibliche Sexualität sich als „eine leere Kategorie“ präsentiert, die es immer 
wieder neu zu konstruieren gilt, nicht zuletzt, weil sie sich als ebenso bedrohlich wie un¬ 
berechenbar erweist.69 Im Bild der als Mann verkleideten Frau ist so auch die abzuwen¬ 
dende Macht angezeigt, über die sie verfügt: über den Mann und — wie im ‘Herpin’ — auch 
über die Frau. 
Die Gefahren weiblicher Sexualität sind besonders an Florie exemplifiziert, wenn ihr Be¬ 
gehren sich von den Geschlechterbestimmungen unabhängig zu machen droht. In Oppo¬ 
sition dazu ist die verkleidete Herzogin entworfen, die ihrem Gemahl derart ergeben ist, 
daß sie, nachdem sie die Heirat Flories mit Herpin verhindert hat, der begehrlichen Florie 
vorschlägt, sich den Ehemann mit ihr zu teilen: i liebe lungffrouwe sprach die hert^ogyn Ist is uch 
willen wir wollen bede gnuch han byt eyme man Das ir begert des bin ich müde wordenHerausge- 
67 Greenblatt, Stephen: Verhandlungen mit Shakespeare. Innenansichten der englischen Renaissance. Aus dem Ameri¬ 
kanischen von Robin Cackett, Frankfurt a.M. 1993, Zitat S. 122. 
08 So in Mären, etwa im ‘Schreiber’’ (in: Niewöhner, Heinrich: Neues Gesamtabenteuer [...], Bd. 1, Berlin 1937, 
S. 109-112), wo der Mann in Frauenkleidern wie im ‘Koch’, im ‘Knecht im Garten’ u.a.m. verprügelt 
wird. Der ‘Schüler zu Paris’ verliert sein Leben (Fassung A bei von der Friedrich Heinrich Hagen: Ge¬ 
samtabenteuer. Hundert altdeutsche Erzählungen, Bd. 1, Nachdruck Darmstadt 1961, S. 281-311). 
69 Vgl. etwa die Mären, vgl. etwa ‘Beringer’ bei Thomas Cramer (Hg.): Maeren-Dichtung (Spätmittelalterliche 
Texte 1), München 1979, Bd. 1, S. 71-81 oder das ‘Nonnenturnier’’ bei Hanns Fischer (Hg.): Die deutsche 
Märendichtung des 15. Jahrhunderts (MTU 12) München 1966, S. 31-47). 
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