Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

vnd myn wappen Jurte vnd ouch rede vnd antwert von mynen wegen gebe wiste ichyeman der das tun wolte 
/ Ich wolteym groß gut geben‘.lb Einer aus dem Gefolge des Königs mit dem Namen Durffier 
übernimmt diese Aufgabe. Wahrnehmen kann er sie nur für kurze Zeit, denn im Heeres¬ 
lager hält sich der ‘böse Reinhart von Hennegau’ auf, der sich eingeschlichen hat, um Kö¬ 
nig Gormon zu ermorden und so die Gunst des französischen Königs Ludwig zurückzu¬ 
erlangen. Unter dem Vorwand, „heymlichT'> mit ihm sprechen zu müssen, lockt er den ver¬ 
meintlichen König an einen stillen Ort und ersdcht ihn,16 17 womit — verschoben allerdings 
auf den Stellvertreter — der herrscherliche Traum seine Erfüllung findet. 
Eingelassen ist auch diese Geschichte in einen politischen Kontext, denn was das Han¬ 
deln des heidnischen Königs anleitet, ist das Begehren nach Macht.18 König Gormon ist 
als Prototyp eines Unrechtsherrschers entworfen, worauf auch seine Angriffskriege ver¬ 
weisen, die in den Texten stets negativ konnotiert sind. Er verkörpert die Verkehrung 
dessen, was Recht ist, so daß am doppelgängerischen Stellvertreter des Königs entspre¬ 
chend eine Verdoppelung auch des Unrechts vorgeführt ist. Und da Ordnung und Frie¬ 
den in den Epen mit zumeist ‘tödlicher’ Sicherheit restituiert werden, wird zunächst der 
Doppelgänger beseitigt, wobei durch seinen Mörder das Unrecht einmal mehr markiert 
wird, denn der ‘böse Reinhart’ ist von Grund auf schlecht. Bald darauf werden dann auch 
die heidnischen Heere bei dem Versuch besiegt, Frankreich zu erobern und die christli¬ 
chen Länder zu bekehren - eine erneute Verdrehung, nun des Kreuzzugsgedankens. Da¬ 
bei kommt auch König Gormon um, wodurch — der Epenlogik nach - Ordnung wie¬ 
derhergestellt ist. 
Am Stellvertreter des Königs, der als eine Art Doppelgänger agiert, zeigt sich außerdem, 
was der Namenstausch offensichtlich voraussetzt: Identität wird nicht über Ähnlichkeit 
hergestellt, sondern über eine Summe von Zeichen: über den Namen, der hier zuerst ge¬ 
nannt ist, über das Wappenkleid, das wie der Name die Zugehörigkeit zu einem bestimm¬ 
ten Geschlecht anzeigt, und schließlich über die Sprache als Komponente sozialen Han¬ 
delns. Wenn sich damit der Begriff des Doppelgängers auch weit von heutigen Vorstel¬ 
lungen entfernt, weil sich Identität nicht vom Gesicht ‘ablesen’ läßt, so fungiert der Ritter 
gleichwohl als solcher, denn für das Gefolge im Heereslager und für den ‘bösen Reinhart’ 
vertritt er den König nicht nur, sondern er ist der König.19 Ebenso wie beim Namens¬ 
tausch ist das vorgängige Sein für die anderen nicht vorhanden. 
16 ‘Loher’, Hamburg, Bl. 134r. 
17 ‘Loher’, Hamburg, Bl. 134v. 
18 Machtansprüche dominieren auch den Entschluß, die Tochter mit Isenbart zu verheiraten. Bedingung 
ist: igetrumt ir mich fiiren in das lant Jufranckrich / Das ich das künignch vertiligen mochte So ml ich üch Ju sy- 
cherhyt myn tochter pi eelichem nyhe gehen' (‘Loher’, Hamburg Bl. 125r). Eheschließungen sind auch sonst ein 
wichtiger Faktor bei Expansionsbestrebungen, aber als ehebegründend fungiert das Argument der 
Machtvergrößerung in diesen Epen nur in negativ konnotierten Fällen. 
19 Entsprechend gelingt auch der Plan des ‘bösen Reinhart’, wenn ihm später König Ludwig seine Gunst 
schenkt. 
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