Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

Im ‘Huge’ geht es um den insofern gefährdeten französischen Thron, als keine männli¬ 
chen Erben vorhanden sind; die ‘Sibille’ handelt von der zu Unrecht vertriebenen Köni¬ 
gin, für die es Gerechtigkeit wiederherzustellen gilt. Im ‘Loher’ wird vorgeführt, wie es 
dazu kam, daß die Kaiserwürde nicht mehr wie die Königswürde erblich ist; erzählt wird 
jedoch unentwegt von der Hintergehbarkeit von Recht und Verpflichtungen, wobei die 
Serien auch dann nicht abbrechen, wenn die Ausgangssituation unterdessen einer Lösung 
zugeführt wurde. Ähnlich charakterisieren ununterbrochene Serien von Verlusten an An¬ 
sprüchen und Besitz den ‘Herpin’, die in der Rückeroberung der ererbten Herrschaft ih¬ 
ren Abschluß hätten finden können. Wie im ‘Loher’ sind im ‘Herpin’ die unzähligen Ein¬ 
bußen auf mehrere Generationen verteilt. Die Wiederholung vergleichbarer Szenenmuster 
verweist zugleich auf unterschiedliche Schwerpunktbildungen, wobei es stets Bindungen 
sind, die als eminent konfliktträchtig ausgegeben sind: ganz gleich, ob es sich um ver¬ 
wandtschaftliche, vasallitische oder Liebesbeziehungen handelt, sie präsentieren sich ent¬ 
weder als instabil oder als bedrohlich. Auslöser für die vielen Geschichten sind jeweils 
Regelbrüche, und als Störfaktoren erweisen sich vor allem das sexuelle Begehren, außer¬ 
dem Machtinteressen und Gewalt. 
Thematisiert ist damit zuallererst das Regellose und Unerhörte, und mit den zahllosen 
skandalösen Ereignissen korrespondieren die Maskeraden: Die Akteure agieren unter fal¬ 
schen Namen, oft auch unter statusfremden Gewändern; Frauen ziehen bevorzugt in 
Männerkleidern durch die Epenwelten und sogar als doppelgängerischer Stellvertreter 
wird jemand ausstaffiert. Der Namenstausch ist dabei vor allem dem ‘Loher’ Vorbehalten, 
während in den übrigen Epen Verkleidungen das Geschehen dominieren. Mit den 
Verkleidungs- und Vertauschungsgeschichten nun werden zugleich — buchstäblich stell¬ 
vertretend — die Störfaktoren einzelner Bereiche verhandelt, auf die die Epen, und zwar in 
unterschiedlicher Gewichtung, den Blick lenken: im ‘Herpin’ und in der ‘Sibille’ im Be¬ 
reich der liebe, im ‘Huge’ und im ‘Loher’ vor allem im Bereich der Gruppen- und Gemein¬ 
schaftsbindungen. Im folgenden ist herauszuarbeiten, wie die Maskeraden für das Erzähl¬ 
te funktionalisiert sind, was sich mit dem Identitätswechsel jeweils geltend macht, was er 
konnotiert, auch, wie Identität überhaupt gestiftet wird, und nicht zuletzt, mit welchen 
Überzeugungen des historischen Kontextes sich die Entwürfe eigentlich auseinanderset¬ 
zen. 
Die Prosaisierungen nehmen auf Wertvorstellungen, die als jederzeit gültig ausgegeben 
sind, selbst immer wieder Bezug, so etwa, wenn im ‘Herpin’ die verschämte Zurückhal¬ 
tung Galliens, Ölbaum ihre liebe zu gestehen, mit den Worten kommentiert wird: ‘Als noch 
hudestagesjegliche lungffraum sich schammen soll*.9 Doch geben die Epen die historischen Ver¬ 
haltens- und Handlungsmuster nicht direkt, sondern gedeutet, und damit oft verzerrt, 
9 ‘Herpin’, Wolfenbüttel, Bl. 128r. - Hier wie im folgenden verweise ich auf die in Anm. 1 bis 3 vollständig 
genannten Handschriften in abgekürzter Form. Kürzungen sind in den Textzitaten stillschweigend auf¬ 
gelöst. Die schräggestellten Punkte über Vokalen sind als Umlautzeichen wiedergegeben, und er¬ 
scheint, weil es sich um eine Ligatur handelt, als ß; außerdem ist dasj als Trema geschrieben, sofern sich 
ein Zeichen darüber befindet. Beim Arbeiten mit Mikrofilmen werden sich allerdings Ungenauigkeiten 
kaum vermeiden lassen. 
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