Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

Was also bleibt? Ein vermutlich eher mäßiges schriftstellerisches Talent und die Vermitt¬ 
lung eines Stoffkomplexes, der von keinem sonderlich guten Geschmack zeugt. Ein dürf¬ 
tiger Abglanz am Rande des sehr viel niveauvolleren französischen Literaturbetriebs15. 
Angesichts dieses gängigen Bildes scheint es nicht sehr erfolgversprechend zu sein, Elisa¬ 
beths Oeuvre auf ein denkbares Konzept hin zu befragen. Ihr Werk scheint uninterpre- 
tierbar. Wenn ich trotzdem den Mut dazu habe, dann nur, weil ich der Überzeugung bin, 
daß auch das im üblichen Sinn literarisch Uninterpretierbare ein offenes Deutungspoten¬ 
tial besitzt, das im Gesamtzusammenhang einer Literatursituation unter bestimmten histo¬ 
rischen Bedingungen aktualisiert werden konnte und das vor diesem Hintergrund auch 
vom heutigen Interpreten aufgeschlossen werden kann. 
Ich beginne mit Überlegungen zur Wahl, die Elisabeth getroffen oder auch nicht getrof¬ 
fen hat. Da sie, wie gesagt, über das Elternhaus mit der französischen literarischen Tradi¬ 
tion gut vertraut gewesen sein dürfte, wird sie von den unterschiedlichen zu ihrer Zeit 
gängigen literarischen Typen Kenntnis gehabt haben. Es gab, was die Großerzählung be¬ 
trifft, zwei prominente narrative Formen: zum einen den höfischen Roman, vor allem die 
arthurische Literatur, und zum andern eben die Chanson de geste. 
Der höfische Roman besaß zwar seit den Chrétien-Bearbeitungen Hartmanns von Aue 
und Wolframs von Eschenbach und seit Gottfrieds von Straßburg ‘Tristan’-Version sowie 
ihrer Nachfolger eine eigene deutsche Tradition. Aber es gab eine Vielzahl französischer 
Romane neben und nach Chrétien de Troyes, die nie ins Deutsche übernommen worden 
sind und die wohl in Hinblick auf ständische Repräsentation eine Bearbeitung gelohnt 
hätten. Dabei ist daran zu erinnern, daß der Artusroman noch im 14./15. Jahrhundert ei¬ 
ne bedeutsame Rolle im Rahmen des adeligen Selbstverständnisses spielte. Dieser Roman 
hat bekanntlich die Ritterschaft als Tafelrunde des Königs Artus zu einer idealen Gemein¬ 
schaft stilisiert, wobei deren Protagonisten auszuziehen und gegen eine Welt anzutreten 
hatten, die durch die Gegenkräfte, durch Gewalt, Brutalität, Willkür, Ordnungslosigkeit, 
gekennzeichnet war - ein Entwurf von Idealität, der aber nach der Intention der Autoren 
nicht in der Weise verstanden werden durfte, daß er unmittelbar als vorbildliches und 
nachahmenswertes Muster gelten sollte, sondern der darauf zielte, das Bewußtsein dafür 
zu wecken, daß die ideale gesellschaftliche Balance im Durchgang durch das, was ihr ent¬ 
gegenstand, immer neu zu aktualisieren war, was auch bedeutete, daß man bereit sein 
mußte, die dabei auftretenden Aporien anzunehmen16. Schon vom 13. Jahrhundert an hat 
der Adel diesen Roman jedoch gegen seinen ursprünglichen Sinn ideologisch vereinnahmt 
und nivelliert, indem er ihn nicht nur als Musterbuch für höfisches Verhalten heranzog, 
sondern die literarische Fiktion in die Wirklichkeit zu übersetzen suchte17. Es entstand ei¬ 
15 So der Tenor von Haubrichs’ Charakterisierung (wie Anm.2), S. 7. 
16 Siehe zu diesem ästhetischen Konzept Haug, Walter: „Lesen oder Lieben? Erzählen in der Erzählung: 
vom ‘Erec’ bis zum ‘Titurel’“, in: Walter Haug: Brechungen auf dem Weg gur Individualität. Kleine Schriften gur 
Uteratur des Mittelalters, Tübingen 1995, S. 153-167. 
17 Die Literatur zu den nachstehenden Zeugnissen und weitere Materialien aus diesem Zusammenhang bei 
Haug, Walter: „Von der Idealität des arthurischen Festes zur apokalyptischen Orgie in Wittenwilers 
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