Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

terlichen Konfliktmanagements weitaus besser. Der sich den wiederholt geäußerten Frie¬ 
densbemühungen Lewes und seiner Verwandten zuerst hartnäckig widersetzende Karl 
wird schließlich — durch einen Boten Gottes — zum überraschenden Sinneswandel bewegt, 
so daß eyn ganttye sün (215r) zustande kommt. Sie wird mit einem gemeinsamen Versöh¬ 
nungmahl21 22 begangen. Auch im Verlauf dieses Streitfalls zeigen sich Motiwerwandtschaf- 
ten mit historiographischen mittelalterlichen Quellen. So wird beispielsweise der für Aus- 
senstehende oft kaum nachvollziehbare Erfolg vertraulicher Verhandlungen zwischen 
konfliktführenden Parteien in historiographischen Texten häufig mit dem Hinweis auf das 
Wirken des Heiligen Geistes verschleiert, der für scheinbar überraschende Einigungen 
verantwordich sei. Ganz ähnlich wird Kaiser Karl im ‘Herpin’ durch einen Boten Gottes 
zum plötzlichen Einlenken bewegt. 
Zu den ungeschriebenen Konventionen mittelalterlicher Kommunikation in Frieden und 
Fehde scheint als besonders wichtiger Bestandteil gehört zu haben, „daß man Konflikte 
gütlich nur einmal beendete. Es bestand mit anderen Worten die strikte Erwartungshal¬ 
tung, daß damit der Konflikt in der Tat aus der Welt geschafft sei. Wurde er dennoch er¬ 
neuert, erübrigte sich damit jede Hoffnung auf Versöhnung (spes reconciliationis), jedes Be¬ 
rufen auf das Recht der Unterwerfung (Jus deditionis).££22 Die Wiederaufnahme des, wie er¬ 
wähnt, einmal bereits gütlich beigelegten Streits durch den Herzog von Calabre, der nicht 
nur Lewes Frau zum zweitenmal entführt, sondern überdies seinen Schwiegervater getötet 
hatte, würde demzufolge eine erneute gütliche Einigung ausschließen. Und wirklich bringt 
diesmal der im Kampf gegen Lewe von neuem unterlegene Herzog von Calaber keine ge¬ 
waltfreie Lösung zustande. Als er Lewes illegitimem Sohn, der ihn im Kampf besiegt und 
schwer verwundet hat, ein entsprechendes Angebot macht, lehnt der ab mit dem aus¬ 
drücklichen Hinweis auf die beim ersten Mal nicht eingehaltene Sühne. Statt dessen 
schleift er den Herzog auf demonstrativ entehrende Weise, mit den Füßen an den 
Schwanz eines Pferdes gebunden, zu seinem Vater Lewe, der ihn unverzüglich enthaupten 
läßt23. Ein Vergleich mit typischen Mustern mittelalterlicher Konfliktaustragung zeigt, daß 
zumindest in diesem Fall die dargestellte Gewalt nur scheinbar affektiv und ungezügelt ist. 
In Wirklichkeit geht der brutalen Tötung des Gegners eine eskalierende Reihung von 
Schritten voraus, die den Tod des Herzogs von Calabre als folgerichtige Konsequenz eines 
von ihm selbst verschuldeten Fehlverhaltens nach sich ziehen und zugleich die Handlung 
des ‘Herpin’ strukturieren. Daß bei Einhaltung der entsprechenden Regeln theoretisch ein 
21 Vgl. zum Mahl im Zusammenhang mit Friedensschlüssen generell Althoff, Gerd: „Der frieden-, bünd- 
nis- und gemeinschaftsstiftende Charakter des Mahles im frühen Mittelalter“, in: Irmgard Bitsch u.a. 
(Hgg): Essen und Trinken in Mittelalter und Neuheit, Sigmaringen 1987, S. 13-25. 
22 Adthoff (wie Anm. 17), S. 15. 
23 249v: Da sprach der hertyog yii Gerharte lieber geselle ich bitte dich das du mich leben lassest vnd mich fürest da ich sicher 
sy. So ml ich dir also vil gütes geben das du vnd alle dine freund da von gebessert werden [...] Er [Gerhart] sprach val¬ 
scher hertyog Ich bin clarisen son diner swester vnd lewe ist myn vatter vnd du bist eyn valscher man du were mit lewen ge¬ 
sund myn vatter solich siinung hastu nit gehalten. Solich verreterey soltu fürbas niemer mergetriben. Da mit stunt Gerhart 
yu fuß ab vnd bant den hertyogen mit sinen füssen dem pferd an sinen swanty vnd sloufft in yu lewen vnd sprach Datier 
ich bring uch den verreter den hertyogen von Calabre das ir in vrteilent nach uwem willen. [250r] Do ließ lewe von stunt 
sin houbt ab howen. 
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