Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

Über seinen Verwandten Gadifer wendet er sich an den idealtypischen Vermittler, der 
auch in anderen Saarbrücker Prosahistorien immer wieder diese wichtige Rolle ausfüllen 
wird: den Papst19. Dieser schickt einen Legaten zu Lewe, der daraufhin die Belagerung ab¬ 
bricht, nach Rom eilt und so seine generelle Bereitschaft zu einer durch Vermittlung zu 
erreichenden gütlichen Konfliktbeilegung demonstriert. Der Papst lehnt allerdings in die¬ 
sem Fall die ihm angetragene Mittlerrolle ab, da er den Herzog von Calabre für schuldig 
hält und nit liep hat, wie es im Text heißt20. Infolgedessen verweist er den Fall an ein Ge¬ 
richt, vor dem beide Parteien sich verantworten sollen. Doch ohne dessen Urteil über¬ 
haupt abzuwarten, ergreift der Herzog von Calabre von sich aus die Initiative und erklärt 
sich zur Demütigung (oder deditio, wie der terminus technicus lautet) bereit. 
Ich ml mich gein uch demütigen vnd han ich uch erzürnet das ml ich bessern In meynung 
ich ml umr man werden vnd das hertyogenthüm von Calaber von uch ffi leben entpfahen 
vnd uch da mit getruwlich schweren wan uch not bestat vnd uch x tusent gewappent yü li- 
hen vnd dy uch lin biß vff uwer ab verkünden vnd das volfüren in mynen costen. Duch wil 
ich uch schicken gon Montlosen hundert tusent guldin ob ir anders mit mir Jriden halten 
wöllent. Da Eewe vemam des hertyogen fürgeding Er sprach solches sol ich nit verachten 
noch uß slahen sunder alles das so Ir wyder mich volbracht habent wil ich uch veryihen Do 
vmbfing der hertyog lewen vnd schwür Im In dem als er das leben enpfing. Also wäret der 
frid vnd sün y-wuschen In beiden beslossen vnd gemacht (130r) 
Vergleicht man die in dieser Passage des ‘Herpin’ geschilderten Schritte zur Konfliktlö¬ 
sung mit Deeskalationsstrategien, wie sie aus historischen Quellen abstrahiert werden 
können, fallen verwandte Beschreibungsmuster auf. So z.B. die Ablehnung einer gerichtli¬ 
chen Entscheidung, der offenkundig die durch ritualisierte Verhaltensweisen geprägte 
Demütigung oder deditio vorgezogen wird, oder die scheinbar spontan gewährte Verzei¬ 
hung Lewes, die den Gepflogenheiten ritueller Unterwerfungen zufolge zuvor jedoch aus¬ 
gehandelt worden sein dürfte. Wichtiger als die schlichte Konstatierung solcher literari¬ 
scher Reflexe mittelalterlichen Konfliktverhaltens in den Elisabeth zugeschriebenen Tex¬ 
ten ist jedoch die Tatsache, daß diese Muster von entscheidender Bedeutung für das Ver¬ 
ständnis des jeweiligen Handlungsgeschehens sind. Im ‘Herpin’ etwa ist die beschriebene 
deditio des Herzogs, durch die er Lewes Verzeihung erlangt, eine der Schlüsselstellen des 
Werks, denn es zeigt sich sehr schnell, daß frid vnd sün vom calabresischen Herzog von 
Anfang an nicht ernst gemeint, sondern lediglich als taktisches Mittel eingesetzt waren, 
um einer für ihn ausweglosen Situation zu entkommen. Die daraus entstehenden Folgen 
besitzen weitreichende Konsequenzen für den weiteren Fortgang der Erzählung. 
Zunächst jedoch zum zweiten noch ungelösten Konfliktfall, dem Dissens zwischen Kai¬ 
ser Karl und Herpin bzw. dessen Sohn Lewe. Hier greifen die Mechanismen des mittelal¬ 
19 Zur Funktion des Papstes als Schiedsrichter vgl. auch Maleczek, Werner: „Das Frieden stiftende Papst¬ 
tum im 12. und 13. Jahrhundert“, in: Johannes Fried (Hg.): Träger und Instrumentarien des Friedens im Hohen 
und Späten Mittelalter Sigmaringen 1996 (Vorträge und Forschungen 43), S. 249-332. 
20 der hertyog hat als vil gethan das ich in nit liep han. Dann vff myne ere were ich ein kunig das ich das solt rechen vnd het 
ich den hertyogen in myn henden ich dete in verbrennen dar für möchte im nicht gehelffen (130r). 
467
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.