Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

mehrere besondere Ereignisse um einen herausragenden Kämpfer zum Thema, so begann 
sich das Publikum nun offenbar für den gesamten Lebensablauf eines Helden, von der 
Kindheit bis ins hohe Alter, zu interessieren. Die schriftliche Fixierung bestimmter Epen- 
zvklen, die in dieser Zeit einsetzt, scheint das neue Informationsbedürfnis widerzuspie¬ 
geln9. Bertrand de Bar-sur-Aube hat diese Entwicklung um 1180 mit den immer wieder zi¬ 
tierten Versen aus seinem ,Girart de Vienne4 festgehalten: 
N’ot que trois gestes en France lagamie, 
Du roi de France est la plus seignorie 
et de richesse et de chevalerie. 
Et l’autre apres, bien est drois que je die 
C. 'est de Doon a la barbe florie, 
Cel de Maiance qui tant ot baronie [...] 
Fa tierce geste, qui molt fist a proisier; 
Fu de Garin de Monglaive le fier. 
(„Es gibt in unserem schönen Frankreich nur drei ‘Gesten’, / vom französischen König 
handelt die bedeutendste,/ von Reichtum und Ritterschaft./ Und die zweite danach, das 
will ich euch genau sagen,/ handelt von Doon mit dem dichten Bart, / dem von Mainz, 
der ein so guter Ritter war [...]/ Die dritte Geste, die sehr zu loben ist,/ handelt vom 
stolzen Ritter Garin de Monglaive.“10) 
Die Einteilung bezieht sich auf die ,Geste de Charlemagne4, die ,Geste de Doon de May- 
ence‘ und die ,Geste de Garin de Monglane4 oder die ,Geste de Guillaume d’Orange4. Die 
neuere Forschung hat das Spektrum dieser Zyklenbildung noch um die Kreuzzugsepik 
sowie die Lothringer- und Nanteuil-Geste erweitert11. 
2. Die grenzüberschreitende Wirkung der Chansons de geste: Italien als Beispiel 
Seit dem 13. Jahrhundert hört man sich in Oberitalien Episoden aus der altfranzösischen 
Heldenepik in einer frankoitalienischen Mischsprache an. Hat man dabei zunächst noch 
die aristokratische Ideologie der französischen Modelle respektiert, so führt die Erstar¬ 
kung des städtischen Bürgertums von etwa 1260 an zu einer Umwandlung der Vorlagen: 
Karl der Große wird aus seiner alten, alles beherrschenden mythischen Position ver¬ 
drängt, und sein Paladin Roland, der tragische Held von Roncevaux, den die Portale von 
San Zeno und Santa Maria Matricolare in Verona bereits in den dreißiger Jahren des 12. 
Jahrhunderts abbilden, gewinnt als Kämpfer und Liebender ein literarisches Profil, das das 
9 Vgl. dazu Besamusca, Bart / Gerritsen, Willem P. / Hogetoorn, Corry / Lie, Orlanda S.H. (Hgg.): Cycli- 
fication. The Development of Narrative Cycles in the Chanson de geste and the Arthurian Romances, Amsterdam - Ox¬ 
ford / New York / Tokio 1994. 
10 In Auszügen zitiert nach Hausmann, Frank-Rutger: Französisches Mittelalter, Stuttgart/Weimar 1996, S.53 
f. 
11 Vgl. die entsprechenden Artikel in Hasenohr, Geneviève / Zink, Michel (Hgg.): Dictionnaire des lettres 
françaises - Fe moyen âge, 2., vollständig neu bearbeitete und aktualisierte Auflage, Paris 1992. 
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