Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

von J an-Dirk Müller über „Held und Gemeinschaftserfahrung“ (1980) als erledigt gelten 
durfte. Die Forschung hat sich seitdem bei der Beantwortung der Frage nach der Funk¬ 
tionalität* dieser Texte in zwei grundsätzlich verschiedenen (wenn auch vielleicht durchaus 
miteinander vermittelbaren) Kategorien bewegt, einmal im Sinne einer delectatio-Aesthetik 
und zum andern im Sinne einer historisch aktualisierenden Lektüre der Texte. Beide Posi¬ 
tionen wurden überraschenderweise fast gleichzeitig (1989) und zwar mehrfach in 
verschiedenen Spielarten formuliert. 
Es war Walter Haug, der - erneut am Beispiel des ,Huge Scheppel* - aus einer brillanten 
strukturalen Erzählanalyse heraus die Position der „Unterhaltung“ entwickelte, die von 
ihm als „eine elementare und zutiefst menschenwürdige Funktion der Literatur“ in ihr 
Recht eingesetzt wird71. Huge, der Protagonist, bezieht sein Interesse bei den Adressaten 
gerade aus seiner diskontinuierlichen, widersprüchlichen, konzeptionsresistenten Anlage. 
Er ist „ungezügelter Gewaltmensch von umwerfender Attraktivität, gibt sich je nach den 
Umständen als Mann von höfischer Zucht, vornehmer Zurückhaltung und vollendeter 
Förmlichkeit, ja er legt eine Sensibilität für Standesdifferenzen und Rangordnungen an 
den Tag“72, die ihm ein unbefangener Hörer oder Leser seines fulminanten, abenteuerli¬ 
chen Einstiegs in die Historij kaum je Zutrauen konnte. Und: es ist Wert darauf zu legen, 
daß dies schon die Konzeption der im 14. Jahrhundert, um 1360, eine Generation, bevor 
Elisabeth geboren wurde, erfundenen französischen Chanson de geste war; Elisabeth be¬ 
wahrte im wesentlichen die alte Erzählsubstanz. Diese Konstanz gilt es nach Haug zu in¬ 
terpretieren, nicht die geringfügigen Änderungen. Aus solcher Interpretation entfaltet er 
alsdann eine über den Einzelfall weit hinausreichende „Ästhetik, die diese Literatur als al¬ 
ternative versteht“73. Alternativ ist sie in ihrer Aesthetik gegenüber Texten wie Artusro¬ 
man, Heldendichtung usw., deren Struktur von einer ideologischen Konzeption generiert 
wurde. Die alternative Literatur des späten Mittelalters weist dagegen fünf Hauptmerk¬ 
male auf74: 
Widersprüchlichkeit statt Problementfaltung. 
Formale Kollage statt narrativer Kontinuität. 
Narrative Unmittelbarkeit statt erzählerischen Gattungsbewußtseins oder gar erzähle¬ 
rischer Gattungsreflexion. 
Unterhaltung statt literarischen Anspruchs, woraus sich auch der Übergang zur Prosa 
erklärt: „Ein müheloses Vergnügen sollte dieses neue Erzählen sein. Die moderne 
deutsche Prosa wird unprogrammatisch aus der narrativen Lust geboren.“75 
Geschichtslosigkeit statt aktualisierender Transformation und Rezeption, woraus sich 
ihre langandauernde Beliebtheit erklärt. 
71 Haug (wie Anm. 36), S. 205. 
72 Ebd,S. 195. 
73 Ebd.,S. 200. 
74 Ebd., S. 200ff. 
75 Ebd., S. 203. 
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