Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

ges, exemplifizieren, der Überleben und Aufzucht ebenso wie den Namen einer sich seiner 
selbstlos annehmenden Löwin verdankt. Denn im Sinne der staunenden curiositas ist die 
Tat und die Verzweiflung der Löwin, die über den (scheinbaren) Verlust ihres Pflegesoh¬ 
nes klagt und stirbt, groß wunder, zugleich aber bleibt die Figur der Löwin doch gebunden 
an ihren traditionellen Zeichencharakter, der ,Tapferkeit signifiziert. 
In diesem Band69 stellt Ute von Bloh die kulturanthropologische Frage nach der Stabilität 
von ,sozialem Status* und von ,Geschlechterrollen* und vermag subtil zu zeigen, in wel¬ 
cher Art und Weise, etwa mit Hilfe des klassischen Instrumentariums von Verkleidung 
und Vertauschung, Elisabeth soziale und geschlechtliche Rollen in einem offenen Spiel 
hält. Freilich wird man schon hier fragen dürfen, wie das literarische Spiel wieder an die 
Gesellschaft der Zeit zu binden sei. Noch intensiver verfolgt Ute von Bloh den einge¬ 
schlagenen Weg in ihrem die Elisabeth-Philologie auf einen neuen und der internationalen 
Forschungslage angemessenen literar- und kulturhistorischen Stand bringenden großen 
Buch über die Prosawelten der Elisabeth70. Nun widmet sie sich den von den Texten 
„entworfenen Ordnungen“, den sozialen „Regeln und ihren Überschreitungen“, der „aus¬ 
gerenkten Ordnung“, wie der Titel verheißt. Was hier in interpretatorisch gekonnter, stets 
auch den Erzählzusammenhang im Blick haltender Exegese, mit scharfsinniger, auch auf 
das Verschwiegene und Ausgelassene, auf die Brüche der Schrift, auf die Transgression 
und Verletzung von Ordnung, Regel, Normalität gerichteter Beobachtung und Reflexion 
zu den Feldern Liebe und Ehe, Begehren und Werbung, Verwandtschaft, Freundschaft, 
Bündnis und Konfliktaustragung beigetragen wird, sind wahre Kabinettstückchen einer 
Erzählungen als Modellierung von Welt auswertenden und epochenbezogenen, zugleich 
kulturanthropologisch orientierten historischen Semantik, die unbedingt auch die Auf¬ 
merksamkeit und Kritik der Historiker verdiente. Freilich — wie oft bei Arbeiten zu Elisa¬ 
beths Übersetzungen — bleiben noch die leicht zu stellenden, aber schwer zu beant¬ 
wortenden, dennoch notwendigen Fragen nach dem Verhältnis zu den französischen 
Chanson de geste-Vorlagen, nach vergleichbaren Mustern in analogen Gattungen und (in 
vielen Fällen) auch die Fragen nach der Kontrolle der Resultate an normativen, theoreti¬ 
schen und 'Realität' reflektierend verarbeitenden Texten. 
Sozial-, mentalitäts- und kulturhistorische Interpretationsansätze fordern die Frage nach 
der speziellen Funktionalität* dieser am Saarbrücker Hof zwischen 1437 und 1456 ent¬ 
standenen Übersetzungen geradezu heraus. Diese Frage wurde umso dringender, als die 
stets dürftige und ohnehin sich nur der von der späteren Rezeption gesteuerten Privile¬ 
gierung des ,Huge Scheppel* in der literarhistorischen Wahrnehmung verdankende These 
einer Anlehnung an aufkommende bürgerliche* Vorstellungswelten des späten Mittelal¬ 
ters seit dem Nachwort von Marie-Luise Linn in ihrer Ausgabe von 1974 und der Arbeit 
im Herzog Herpin“, in: Harms, Wolfgang/Jaeger, Stephen C. (Hgg.): Fremdes wahmehmen - fremdes Wahmeh- 
men. Studien %ur Geschichte der Wahrnehmung und %ur Begegnung von Kulturen in Mittelalter und früher Neuheit, 
Stuttgart/Leipzig 1997, S. 221-238, Zitat S. 221. 
69 S. 495-515. 
70 von Bloh (wie Anm. 12), Abschnitte 3 und 4. 
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