Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

Bislang ist also stets die Meinung vertreten worden, daß Elisabeth hinsichdich der Ausei¬ 
nandersetzung um die Erbfolge im Herzogtum Lothringen ihren Bruder unterstützt habe, 
indem sie die Besetzung von Groß-Varsberg durch }ohann von Kerpen und dessen Raub¬ 
und Plünderungszüge gegen Gebiete des Herzogs von Bar und des Bischofs von Metz 
zumindest duldete. Nachdem der Bischof von Metz beide Varsberg-Burgen gewaltsam an 
sich brachte, seien sie an den Herzog von Bar-Lothringen übergeben und schließlich zer¬ 
stört worden. 
Das Studium der in der Edition vorliegenden Varsberg-Korrespondenz erlaubt es nun, ei¬ 
nen tieferen Einblick in die Vorgänge und deren Hintergründe zu erlangen sowie Rollen 
und Motive einzelner Beteiligter etwas klarer zu erkennen. Der Varsberg-Konflikt erweist 
sich dabei als Austragungsfeld des lothringischen Erbfolgestreites, dessen Hauptbeteiligte, 
wie auch deren Helfer, in dem Briefwechsel zur Sprache kommen. Anlaß und alleiniges 
Ziel dieses Briefwechsels ist das Bemühen Elisabeths, ihre Burg Groß-Varsberg und zeit¬ 
weise eventuell auch Klein-Varsberg zurück zu erhalten. Dieses Bemühen kennzeichnet 
dabei die Perspektive, aus welcher der Varsberg-Konflikt in den Briefen erscheint. Die 
Einzelkorrespondenzen sind dabei meistens nicht parallel geführt worden, sondern wech¬ 
seln einander ab. In ihrer Abfolge widerspiegeln sich die einzelnen Etappen der Bemü¬ 
hungen Elisabeths um Rückgabe der Burgen, verursacht durch sich wandelnde äußere 
Bedingungen, auf die sie mit wechselnden Strategien reagiert hat. 
2.2 Die Etappen des Konfliktes im Überblick 
Nachdem Elisabeth von der Besetzung ihrer Burg Groß-Varsberg durch Johann von 
Kerpen erfahren hatte, war sie sogleich um Schadensbegrenzung bemüht. Neben dem 
Verlust der Burg drohte zugleich die Gefahr, durch diesen Vorgang in den lothringischen 
Erbfolgekrieg hineingezogen zu werden, da der Herzog von Bar-Lothringen als ihr 
Lehnsherr sie für die Schädigungen, die von Varsberg aus gegen ihn zu erwarten waren, 
verantwortlich machen könnte. So gingen auch gleich Gerüchte um, die Eroberung der 
Burg sei mit ihrem Einverständnis oder gar durch ihr Zutun zu Gunsten ihres Bruders 
Anton von Vaudémont geschehen. Genährt wurden solche Nachrichten sicher auch da¬ 
durch, daß einer der Mitbesitzer von Groß-Varsberg, Georg von Rollingen, zu den Hel¬ 
fern Renés von Anjou gehörte, während Johann von Kerpen, Besitzer der Nachbarburg 
Klein-Varsberg, zur Partei Antons hielt. Für letzteren diente Georgs von Rollingen An¬ 
hängerschaft an René als Anlaß oder Vorwand, in dessen und zugleich Elisabeths Burg 
einzudringen und seinen Gegner hinauszuwerfen. In einer solchen Konstellation war es 
natürlich für Elisabeth nicht gerade leicht, ihre Neutralität glaubhaft zu machen, zumal die 
Gefahr bestand, daß eine solche Haltung von den beiden verfeindeten Parteien gar nicht 
akzeptiert werden würde. Andernfalls drohten ihr aber neben den Beschuldigungen und 
bereits erlittenen Verlusten Schadensforderungen und die Gefahr gewaltsamer Übergriffe 
seitens der Gegner Antons. Diese schwierige Balance hat Elisabeth zu meistern versucht, 
indem sie sich, den einen gegenüber fordernd, den anderen gegenüber beschwichtigend, 
an die verschiedenen Seiten durch Briefe, Unterhändler und gelegentlich auch persönlich 
gewandt hat. 
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