Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

chendes Zeugnis dafür dar, wie die Briefe aussahen, wenn sie Elisabeths Kanzlei verlassen 
haben. Daneben kommen aber eine ganze Reihe von Schriftstücken vor, die ein ver¬ 
gleichbares Aussehen besitzen, ohne daß es sich bei ihnen um Ausfertigungen handelt, 
denn sie sind nicht verschlossen und besiegelt worden. Sie weisen alle einen sauber ge¬ 
setzten Schriftspiegel auf, bei dem vor allem der linke Rand exakt und gerade erscheint 
und wurden in einer gut lesbaren Urkundenkursive aufgezeichnet. Etliche hätten in der 
vorliegenden Form durchaus als Ausfertigung dienen können, andere dagegen enthalten 
Überarbeitungen, so daß man bei ihnen von zwei Gruppen sprechen kann: Reinschriften 
und überarbeitete Reinschriften. Eine ebensolche Unterscheidung drängt sich auch bei 
den Konzepten auf. Neben solchen, bei denen lediglich interlineare Korrekturen Vor¬ 
kommen, existieren auch etliche, die nachträgliche Überarbeitungen in Form von Strei¬ 
chungen sowie Ergänzungen am Rande und über der Zeile tragen. Die herkömmliche Un¬ 
terscheidung in Konzept, Abschrift und Ausfertigung wird daher dem Charakter dieser 
Korrespondenz hinsichtlich der Überlieferungsformen keineswegs gerecht. Zunächst muß 
man unterscheiden zwischen eingegangenen Schreiben und solchen der Saarbrücker 
Kanzlei selbst. Bei den eingegangenen Schreiben bereitet die Klassifikation keine Proble¬ 
me, da entweder die Originale, d. h. Ausfertigungen, oder aber von solchen angefertigte 
Abschriften vorliegen. Bei den Saarbrücker Schreiben sind aber vier verschiedene Typen, 
die einem jeweils verschiedenen Stadium im Prozeß des Briefschreibens entsprechen, zu 
unterscheiden: Konzepte, überarbeitete Konzepte, Reinschriften und überarbeitete Rein¬ 
schriften. Nicht überarbeitete Reinschriften unterscheiden sich äußerlich nur durch das 
Fehlen von Siegel und Verschluß von den Ausfertigungen. Einen Sonderfall von überar¬ 
beiteten Reinschriften stellen die drei überarbeiteten Ausfertigungen dar. 
Dieser Vielfalt an Formen wurde im Rahmen der Edition bei der Klassifikation der Stü¬ 
cke insofern Rechnung getragen, als die herkömmliche Unterscheidung nach Konzept, 
Abschrift und Ausfertigung beibehalten, daneben aber gegebenenfalls die Art der Korrek¬ 
tur bzw. Überarbeitung zusätzlich vermerkt worden ist. 
1.8 Zusammenfassung 
Die Unterscheidung der Briefe nach genetischen Kriterien in Konzepte und Reinschriften 
sowie deren Stufen der Überarbeitung ist ein Ergebnis der quellenkundlichen Untersu¬ 
chungen, das nicht nur der Klassifikation der Schreiben dient. Vielmehr gewährt sie zu¬ 
sammen mit den Erörterungen hinsichtlich der Papier- und Briefformate, der Zusammen¬ 
stellung von Rotuli, des Verschlusses und der Besiegelung sowie der Datierung auch einen 
Einblick in die Praxis der Kanzleien, allen voran der Saarbrücker. Desweiteren hat die Er¬ 
örterung von innerer und äußerer Form der Briefe gezeigt, daß zwei verschiedene Briefty¬ 
pen, denen eine jeweils verschiedene Diskursform zugrunde liegt, zu unterscheiden sind. 
Die LITTERAE CLAUSAE stellen eine schriftliche Form des Dialogs dar. Da es sich bei ih¬ 
nen nicht um „öffentliche“ Schreiben handelt, wurden sie verschlossen und mit einer äu¬ 
ßeren INSCRIPTIO versehen. Die LITTERAE PATENTES dagegen blieben unverschlossen. 
Bei ihnen ist die INSCRIPTIO Bestandteil der Eröffnung des Briefes. Die ihnen zugrunde 
liegende mündliche Form des Diskurses ist die öffentliche Ansprache an eine Person nach 
230
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.