Full text : "Grenzgänger"

andersetzung  mit  einer  anderen  befruchtet  werden,  sich  vielleicht  auch  rascher  entfalten,
  Etappen  überspringen  kann  sie  nicht.  Sie  muß  letztlich  ihren  eigenen  Weg  finden.
  Langens  Enttäuschungen  und  Mißerfolge  erscheinen  mir  deshalb  in  Hinblick
auf  die  Grenzgängerproblematik  im  allgemeinen  signifikant  zu  sein.  Die  Tragik  der
Grenzgänger  besteht  oft  darin,  daß  sie  in  erster  Linie  Pioniere  sind,  die  das  Terrain  erkunden
  und  vorbereiten,  die  Anstöße  und  Anregungen  vermitteln.  Die  Früchte  ihrer
Pionierarbeit  ernten  fast  immer  andere.
Der  Grenzgänger  als  ‘Importeur’  und  ‘Exporteur’  von  Ideen
Als  Verleger  vermittelte  Langen  vorrangig  Manuskripte  und  Bücher,  doch  war  er
mehr  als  ein  ‘normaler’  Verleger  an  der  Schaltstelle  zwischen  Autor,  Werk  und  Publikum.
  Von  seinen  Grenzgängen  brachte  er  eine  Vielzahl  von  Anregungen  und  Ideen
  mit,  die  er  mit  mehr  oder  weniger  Erfolg  in  seiner  Heimat  zu  konkretisieren  versuchte.

Viele  dieser  Ideen  haben  mit  dem  Buch  und  dem  Buchmarkt  zu  tun.  Frankreich  war
ein  Land,  in  dem  die  Vermarktung  der  Literatur  fortgeschrittener  war  als  in  Deutschland.
  So  hatte  Langen  während  seines  ersten  Paris-Aufenthalts  die  enormen  Werbekampagnen
  erlebt,  mit  denen  z.B.  das  Erscheinen  eines  neuen  Zola-Romans  auf  Plakaten
  und  Handzetteln  angekündigt  wurde,  die  bekannte  Künstler  wie  Jules  Cheret,
Toulouse-Lautrec  oder  Th.  A.  Steinlen  entworfen  hatten.  Als  er  1896  seinen  Simplicissimus
  gründete,  versuchte  er,  die  Zeitschrift  durch  ein  solches  von  Th.  Th.  Heine
entworfenes  Plakat  zu  lancieren,  doch  hatte  dieses  in  Deutschland  noch  ungewöhnliche
  Werbemittel  (das  in  Frankreich  übrigens  fast  ausschließlich  in  der  Hauptstadt
eingesetzt  wurde),  wie  die  katastrophalen  Verkaufsergebnisse  der  ersten  Nummern
zeigten,  nicht  den  geringsten  Erfolg.  Erst  Kurt  Wolff  gelang  es  nach  dem  Ersten
Weltkrieg  mit  seinen  aufwendigen  Plakatkampagnen  an  den  Litfaßsäulen,  die  Auflagen
  von  Gustav  Meyrinks  Golem  und  Heinrich  Manns  Untertan  in  die  Höhe  schnellen
  zu  lassen.  Wieder  einmal  hatte  Langen  undankbare  Pionierarbeit  geleistet.
Mehr  Glück  hatte  er  mit  einer  anderen  Idee.  Ebenfalls  in  Frankreich  hatte  er  als  neue
und  lukrative  Vertriebsform  den  Bahnhofsbuchhandel  kennengelemt,  der  sich  allmählich
  auch  in  Deutschland  entwickelte.  Die  Bahnhofsbuchhandlungen  nahmen
den  potentiellen  Lesern  die  ‘Schwellenangsf  und  ermöglichten  es,  neue  Lesergruppen
  anzusprechen,  die  eine  traditionelle  Buchhandlung  im  allgemeinen  nicht  betraten.
  So  gründete  Langen  im  Frühjahr  1897,  bald  nach  seiner  Niederlassung  in  München,
  die  preiswerte  “Kleine  Bibliothek  Langen”,  die  vor  allem  -  darauf  wurde  in  der
Werbung  immer  wieder  hingewiesen  -  als  “Reiselektüre”  gedacht  war.  Bei  der  Konzeption
  dieser  Reihe  nutzte  Langen  Erfahrungen,  die  französische  Verleger  im  Bahnhofsbuchhandel
  bereits  gemacht  hatten;  das  mag  erklären,  warum  gerade  seine  Reihe
langlebiger  und  erfolgreicher  als  die  seiner  Konkurrenten  war.
Auch  eine  neue  Form  der  Buchgestaltung  führte  Langen  aus  Frankreich  nach
Deutschland  ein,  nämlich  das  broschierte  Buch  mit  dem  von  Künstlerhand  gestalteten
  Umschlag,  der  mit  dem  broschierten  Buchblock  im  Gegensatz  zu  dem  sich  später
herausbildenden  Schutzumschlag  eine  Einheit  bildet.  Wie  die  für  ein  Produkt  werbenden
  Plakate  sollten  diese  Umschläge  bei  der  Überproduktion  auf  dem  Buchmarkt
einen  werbenden  Effekt  haben,  Kunden  anlocken  und  den  Kaufentschluß  herbeifüh-96


            
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