Full text: "Grenzgänger" (33)

ren Kreuzfeuer er bereits aus anderen Gründen geraten war. Warum Langen Herr und 
Frau Moloch trotzdem veröffentlichte, läßt sich aus dem Text einer großformatigen 
Annonce im Simplicissimus herauslesen, mit der Langen für den Roman warb. 
(Abb.l) Es heißt dort: 
Das Buch wird viel Anfeindung erfahren, und die Unentwegten, die das Wort 
“Deutschland” kritiklos zum Inbegriff des Schönsten und Herrlichsten und Besten 
auf der Welt machen, werden es in Grund und Boden verdammen. Freiere Menschen 
aber, die bei aller Liebe zum Vaterlande nicht blind sein wollen, die wissen, daß ein 
Fremder ihre Fehler am besten sieht, werden aus diesem Buch eines Franzosen über 
Deutschland manches lernen und zu beherzigen verstehen. 
Versucht man, die Bilanz aus der Vermittlertätigkeit Langens im Literaturtransfer 
von Frankreich nach Deutschland zu ziehen, so fällt diese eher enttäuschend aus. 
Dazu sei folgendes bemerkt: Als Grenzgänger war Langen, wie wir feststellten, sei¬ 
nen weniger mobilen Kollegen von der Zunft in der Kenntnis der zukünftigen Ent¬ 
wicklung des Buchmarktes eine Länge voraus. Als er bei seinem ersten Parisaufent¬ 
halt verstanden hatte, daß sich die moderne Literatur vom Naturalismus weg zu ei¬ 
nem Stilpluralismus hin entwickeln würde, versuchte er, seinen Vorsprung auszunüt¬ 
zen, indem er antizipierte. So leistete er in den ersten Jahren seiner Verlagsgründung 
Pionierarbeit, indem er Schriftsteller wie Georges Ancey, Tristan Bemard, Henry 
Becque, Alfred Capus, Anatole France, Paul Hervieu, Octave Mirbeau und andere in 
Deutschland vorstellte. Das brachte ihm zwar einige Anerkennung bei der Literatur¬ 
kritik, doch die Bücher verkauften sich schlecht, und er mußte die erheblichen finan¬ 
ziellen Verluste durch den Ausbau des französischen Unterhaltungssektors ausglei- 
chen. Was Langen nämlich bei der psychologischen Literatur außer acht gelassen 
hatte, war die Tatsache, daß das gebildete deutsche Bürgertum “gute” französische 
Literatur (beispielsweise Anatole France) immer noch in der Originalsprache las und 
folglich auf seine Übersetzungen nicht angewiesen war. 
Auch der Mißerfolg bei der Vermittlung von Henry Becques Theaterstücken, für die 
sich Langen stark und hartnäckig engagierte, läßt sich im nachhinein erklären. Die 
traditionellen Theater, die im Wilhelminischen Deutschland in zahlreichen Städten 
mittlerer Größe entstanden waren, bevorzugten um die Jahrhundertwende noch im¬ 
mer französische Boulevardstücke oder ihre deutschen Nachahmungen. Zwar hatte 
Becque sowohl seine Raben (Les Corbeaux, 1882) als auch die von Langen 1895 ins 
Deutsche übertragene Pariserin “Komödien” genannt, doch wollte er nicht amüsie¬ 
ren bzw. unterhalten. Spätestens bei der Lektüre der Texte mußte den Theaterdirekto¬ 
ren klarwerden, daß diese Art von “Komödien” (die eher Tragikomödien waren) das 
Unterhaltungsbedürfnis ihres Publikums nicht befriedigen würden. Die “Freien Büh¬ 
nen” wiedemm, die nach dem Berliner Vorbild in anderen deutschen Großstädten 
entstanden waren, wußten mit Becque kaum mehr anzufangen. Das Publikum dieser 
oppositionellen Theater erwartete kritische Thesenstücke oder Appell an Mitleid und 
Aufruf zum Protest gegen soziale Mißstände. Die Art und Weise, wie Becque das 
Schlechte als unabänderlichen Zustand der Welt hinstellte, hätte die Zuschauer dieser 
sich progressiv gebenden Bühnen enttäuscht und schockiert. 
Langens Probleme beim Transfer französischer Literatur nach Deutschland lassen 
also deutlich werden, daß jede nationale Kultur eigene Wachstums- und Entwick¬ 
lungsgesetze hat. Eine eigenständige Literatur kann im Kontakt oder in der Ausein¬ 
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