ren Kreuzfeuer er bereits aus anderen Gründen geraten war. Warum Langen Herr und
Frau Moloch trotzdem veröffentlichte, läßt sich aus dem Text einer großformatigen
Annonce im Simplicissimus herauslesen, mit der Langen für den Roman warb.
(Abb.l) Es heißt dort:
Das Buch wird viel Anfeindung erfahren, und die Unentwegten, die das Wort
“Deutschland” kritiklos zum Inbegriff des Schönsten und Herrlichsten und Besten
auf der Welt machen, werden es in Grund und Boden verdammen. Freiere Menschen
aber, die bei aller Liebe zum Vaterlande nicht blind sein wollen, die wissen, daß ein
Fremder ihre Fehler am besten sieht, werden aus diesem Buch eines Franzosen über
Deutschland manches lernen und zu beherzigen verstehen.
Versucht man, die Bilanz aus der Vermittlertätigkeit Langens im Literaturtransfer
von Frankreich nach Deutschland zu ziehen, so fällt diese eher enttäuschend aus.
Dazu sei folgendes bemerkt: Als Grenzgänger war Langen, wie wir feststellten, seinen
weniger mobilen Kollegen von der Zunft in der Kenntnis der zukünftigen Entwicklung
des Buchmarktes eine Länge voraus. Als er bei seinem ersten Parisaufenthalt
verstanden hatte, daß sich die moderne Literatur vom Naturalismus weg zu einem
Stilpluralismus hin entwickeln würde, versuchte er, seinen Vorsprung auszunützen,
indem er antizipierte. So leistete er in den ersten Jahren seiner Verlagsgründung
Pionierarbeit, indem er Schriftsteller wie Georges Ancey, Tristan Bemard, Henry
Becque, Alfred Capus, Anatole France, Paul Hervieu, Octave Mirbeau und andere in
Deutschland vorstellte. Das brachte ihm zwar einige Anerkennung bei der Literaturkritik,
doch die Bücher verkauften sich schlecht, und er mußte die erheblichen finanziellen
Verluste durch den Ausbau des französischen Unterhaltungssektors ausgleichen.
Was Langen nämlich bei der psychologischen Literatur außer acht gelassen
hatte, war die Tatsache, daß das gebildete deutsche Bürgertum “gute” französische
Literatur (beispielsweise Anatole France) immer noch in der Originalsprache las und
folglich auf seine Übersetzungen nicht angewiesen war.
Auch der Mißerfolg bei der Vermittlung von Henry Becques Theaterstücken, für die
sich Langen stark und hartnäckig engagierte, läßt sich im nachhinein erklären. Die
traditionellen Theater, die im Wilhelminischen Deutschland in zahlreichen Städten
mittlerer Größe entstanden waren, bevorzugten um die Jahrhundertwende noch immer
französische Boulevardstücke oder ihre deutschen Nachahmungen. Zwar hatte
Becque sowohl seine Raben (Les Corbeaux, 1882) als auch die von Langen 1895 ins
Deutsche übertragene Pariserin “Komödien” genannt, doch wollte er nicht amüsieren
bzw. unterhalten. Spätestens bei der Lektüre der Texte mußte den Theaterdirektoren
klarwerden, daß diese Art von “Komödien” (die eher Tragikomödien waren) das
Unterhaltungsbedürfnis ihres Publikums nicht befriedigen würden. Die “Freien Bühnen”
wiedemm, die nach dem Berliner Vorbild in anderen deutschen Großstädten
entstanden waren, wußten mit Becque kaum mehr anzufangen. Das Publikum dieser
oppositionellen Theater erwartete kritische Thesenstücke oder Appell an Mitleid und
Aufruf zum Protest gegen soziale Mißstände. Die Art und Weise, wie Becque das
Schlechte als unabänderlichen Zustand der Welt hinstellte, hätte die Zuschauer dieser
sich progressiv gebenden Bühnen enttäuscht und schockiert.
Langens Probleme beim Transfer französischer Literatur nach Deutschland lassen
also deutlich werden, daß jede nationale Kultur eigene Wachstums- und Entwicklungsgesetze
hat. Eine eigenständige Literatur kann im Kontakt oder in der Ausein¬95