Full text : "Grenzgänger"

ner  bestimmten  literarischen  Richtung  oder  Gruppierung  zu  sein,  sondern  verstand
seinen  Verlag  als  ein  allen  modernen  Tendenzen  offenstehendes  Haus.
Nachdem  der  Verlag  im  ersten  Jahr  ausschließlich  skandinavische  Literatur  gebracht
hatte,  tauchten  die  ersten  französischen  Autoren  1895  auf.  Es  handelt  sich  um  zeitgenössische
  Schriftsteller,  die  der  junge  Verleger  persönlich  kannte:  Henry  Becque,
Paul  Bourget,  Anatole  France,  Gustave  Geffroy,  Abel  Hermant,  Octave  Mirbeau,
Emile  Zola.  Abgesehen  von  Zola  waren  sie  noch  nicht  ms  Deutsche  übersetzt  worden,
  und  Langen  war  der  erste,  der  sie  auf  dem  deutschen  Markt  einführte.  Zu  Beginn
seiner  Verlagsgründung  hatte  er  sogar  einige  Male  selbst  aus  dem  Französischen
übersetzt  -  so  Henry  Becques  Stück  La  Parisienne  (Die  Pariserin)  und  einen  Gesellschaftsroman
  von  Paul  Hervieux,  Peint  par  eux-mêmes  (Im  eigenen  Licht),  und  seine
Übersetzungen  können  sich  durchaus  sehen  lassen.  Er  beherrschte  die  Sprache,  kannte
  das  dargestellte  Pariser  Milieu,  und  was  er  manchmal  an  Exaktheit  fehlen  ließ,
machte  er  durch  sein  Sprachgefühl,  das  Nuancen  nachzuzeichnen  verstand,  wieder
wett.
Ehe  merkantile  Erwägungen  den  Verleger  zu  Umstellungsstrategien  führten,  gehörte
dessen  Vorliebe  dem  “psychologischen  Roman”,  der  in  Frankreich  die  naturalistische
  Literatur  abgelöst  hatte.  Zu  den  Psychologen  rechnete  man  beispielsweise  auch
Anatole  France,  der  bereits  internationale  Anerkennung  gefunden  hatte,  als  Langen
seinen  Verlag  gründete,  von  dem  aber  noch  keine  einzige  deutsche  Übersetzung  vorlag.
  Langen  führte  A.  France  in  Deutschland  mit  einem  modernen  Gesellschaftsroman,
  der  Roten  Lilie  ein.  Das  Buch  war  im  Sommer  1894  zum  literarischen  Hauptereignis
  der  Pariser  Sommersaison  geworden,  in  Deutschland  fand  die  Übersetzung
kaum  Käufer.  Bald  mußte  Langen  feststellen,  daß  sich  nicht  nur  Anatole  France,  sondern
  die  gesamte  französische  psychologische  Literatur  in  Deutschland,  wo  die  naturalistische
  Strömung  gerade  erst  im  Kommen  war,  schlecht  verkauften.
Doch  erlebte  Langen  nicht  nur  mit  den  “Psychologen”  Enttäuschungen.  Als  besonders
  bitter  empfand  er  den  Mißerfolg,  den  er  1896  mit  Ein  Golgatha,  der  Übersetzung
von  Octave  Mirbeaus  Roman  Le  Calvaire  (  1886)  erlebte.  Hatte  er  doch  geglaubt,  damit
  einen  Beitrag  zur  deutsch-französischen  Annäherung  zu  leisten.  Dieses  Buch  gehörte
  zu  den  ersten  literarischen  Versuchen  der  um  1850  geborenen  Franzosen,  die
Ereignisse  des  deutsch-französischen  Krieges  ohne  Haß  darzustellen.  Bei  seinem  Erscheinen
  in  Frankreich  hatte  vor  allem  eine  Szene  Aufsehen  und  Empörung  erregt:
Nachdem  der  Held,  ein  junger  französischer  Soldat,  einen  ebenso  jungen  preußischen
  ‘Feind’  auf  Patrouille  aus  dem  Hinterhalt  erschossen  hat,  drückt  er,  entsetzt
und  erschüttert  über  seine  eigene  Tat,  dem  Sterbenden  einen  Kuß  auf  die  Lippen.  Gerade
  diese  Szene  ließ  Langen  von  Hermann  Schlittgen  auf  der  Umschlagzeichnung
der  deutschen  Ausgabe  darstellen.  Doch  das  Buch,  das  in  Frankreich  zehn  Jahre  früher
  von  sich  reden  machte,  blieb  in  Deutschland  unbemerkt.  Nach  eigenen  Aussagen
setzte  Langen  von  dieser  ersten  Mirbeau-Übersetzung  im  deutschen  Sprachraum
nicht  einmal  300  Exemplare  ab.
Für  mißglückte  Transfer-Versuche  ließen  sich  weitere  Beispiele  anführen.  So  bemühte
  sich  Langen  vergeblich  dämm,  Henry  Becque,  einen  Vorläufer  des  modernen
Theaters,  der  nicht  nur  in  Frankreich,  sondern  auch  in  Belgien  und  Italien  ein  erfolgreicher
  Bühnenautor  war,  nach  Deutschland  einzuführen.  Doch  lehnte  eine  deutsche
Bühne  nach  der  anderen  Becques  Stücke  ab,  in  denen  der  Autor  kühl  und  emotionslos

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