Full text : "Grenzgänger"

und  russischen  Presse.4  Langen  lernte  in  Paris  nicht  nur  französische  und  skandinavische
  Schriftsteller  kennen,  unter  letzteren  sei  Knut  Hamsun  genannt,  auch  seine  ersten
  deutschen  Autoren,  Arthur  Holitscher  und  Frank  Wedekind,  gehörten  zu  seinem
Pariser  Bekanntenkreis.
Seinen  Literatur-  und  Kunstverlag  gründete  Langen  im  Dezember  1893  in  Paris,  und
zwar  aus  einem  spontanen  Entschluß  heraus,  um  Hamsuns  Roman  Mysterien,  der  ihn
begeisterte  und  den  Samuel  Fischer  abgelehnt  hatte,  zu  verlegen.  Bei  Gründung  des
Verlags  war  seine  originelle,  allerdings  etwas  komplizierte  Idee  folgende:  Er  wollte
in  Paris  moderne  deutsche  Literatur  und  zeitgenössische  französische  und  skandinavische
  Literatur  in  deutscher  Übersetzung  herausbringen,  gleichzeitig  sollte  in  einem
assoziierten  französischen  Verlag  skandinavische,  evtl,  auch  deutsche  Literatur  in
französischer  Übersetzung  erscheinen.  Der  Verlag  war  also  als  eine  Art  Drehscheibe
zwischen  drei  Kulturen  gedacht,  doch  mußte  Langen,  mit  der  Realität  des  Buchmarktes
  und  des  Theaterbetriebs  konfrontiert,  die  meisten  seiner  ehrgeizigen,  in  mehreren
Richtungen  grenzüberschreitenden  Pläne  wieder  fallenlassen.  Vor  allem  erwies  sich
die  Führung  eines  Verlags,  der  vorwiegend  Bücher  in  deutscher  Sprache  bringen
wollte,  von  Paris  aus  als  zu  kompliziert.  Ein  fester  Verlagsort  in  Deutschland  war
nicht  zu  umgehen.  Nach  einem  kurzen  Intermezzo  in  Leipzig  ließ  sich  Langen  1895
in  München  nieder,  wo  er  am  4.  April  1896  auch  die  erste  Nummer  der  satirischen
Zeitschrift  Simplicissimus  herausbrachte.
Im  April  1896  heirateten  Langen  und  Dagny  Bjömson,  die  jüngste  Tochter  des  norwegischen
  Schriftstellers  Bjömstjeme  Bjömson,  der  damals  nicht  nur  ein  berühmter
Schriftsteller  war,  sondern  als  homo  politicus  auf  europäischer  Ebene  seine  Stimme
hören  ließ.  Langens  Verbindungen  zur  skandinavischen  Welt  wurden  auf  diese  Weise
  konsolidiert,  denn  auf  Bjömsons  Gut  in  Aulestad,  wohin  er  wiederholt  während
der  Sommermonate  reiste,  gab  sich  alles,  was  in  den  skandinavischen  Ländern  Rang
und  Namen  hatte,  ein  Stelldichein.
Langens  erster  Frankreichaufenthalt  hatte  über  drei  Jahre  gewährt  (1890-1894).  Seit
Ende  Oktober  1898  wird  der  Verleger  noch  einmal  außerhalb  der  deutschen  Grenzen
leben.  Dieser  unfreiwillige  Auslandsaufenthalt,  eine  Art  exil  doré,  hat  mit  der  sogenannten
  “Palästinanummer”  des  Simplicissimus  zu  tun  (Nr.31  vom  23.  Oktober
1898),  in  der  die  Orientreise  des  Kaisers  unbarmherzig  aufs  Korn  genommen  wurde.
Nach  Erscheinen  dieser  Spezialnummer  erhoben  die  sächsischen  Behörden  -  die
Zeitschrift  wurde  in  Leipzig  gedruckt  -  gegen  den  verantwortlichen  Redakteur  Albert
Langen,  den  Zeichner  des  Titelblatts  Thomas  Theodor  Heine  und  den  Autor  des  Gedichts
  Im  heiligen  Land,  einen  anonymen  Hieronymos,  hinter  dem  sich  Frank  Wedekind
  verbarg,  Anklage  wegen  Majestätsbeleidigung.5  Um  einer  drohenden  Verhaftung
  zu  entgehen,  floh  Langen  bei  Nacht  und  Nebel  über  Wien  nach  Zürich  und  ließ

4  Zu  den  Ausländskorrespondenten,  die  Langen  in  Paris  kennenlemte,  gehörten  Paul  Goldmann
  (Neue  Freie  Presse,  Wien),  Josef  Siklosy  (Neues  Pester  Journal),  J.  Pavlovsky  (Novoje
  Vremja,  St.  Petersburg)  und  Theodor  Wolff  (Berliner  Tageblatt).
5  Vgl.  zur  “Palästinanummer”  und  der  MajestätsbeleidigungsafFäre:  H.  Abret/A.  Keel,  Die
Majestätsbeleidigungsaffäre  des  Simplicissimus-Verlegers  Albert  Langen.  Briefe  und  Dokumente
  zu  Exil  und  Begnadigung,  Frankfurt  a.M.,  Bern,  New  York  1985  (Texte  und  Untersuchungen
  zur  Germanistik  und  Skandinavistik  12).

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