Full text : "Grenzgänger"

Helga  Abret

Ein  Verleger  als  Grenzgänger  zwischen  Deutschland  und
FRANKREICH:  DER  FALL  ALBERT  LANGEN

Albert  Langen  (1869-1909)  war  einer  der  bekanntesten  Buch-  und  Zeitschriftenverleger
  der  Wilhelminischen  Zeit.  Er  gehörte  wie  Samuel  Fischer,  Eugen  Diederichs,
Arthur  Kippenberg,  Reinhard  Piper  u.a.  zu  den  bürgerlich-liberalen  Individualverlegem,
  die  Ende  des  19.  oder  zu  Beginn  des  20.  Jahrhunderts  auf  den  Plan  traten  und
ihre  unternehmerischen  Interessen  mit  einem  sehr  persönlichen  Engagement  verbanden.
  Langen  war  aber  auch  ein  ‘Grenzgänger’1,  der  fast  ein  Jahrzehnt  seines  kurzen
Lebens  im  Ausland  verbrachte,  in  Italien,  in  Norwegen,  vor  allem  aber  in  Frankreich,
Diesem  Mann  waren  die  nationalen  Grenzen  stets  zu  eng,  er  glaubte  nicht  an  unüberwindliche
  Gegensätze  zwischen  den  Völkern  und  praktizierte  eine  ohne  Überfremdungsangst
  für  Anregungen  jeglicher  Art  offene  Haltung  nicht  nur  im  privaten,  sondern
  auch  im  beruflichen  Bereich.  Als  Verleger  vermittelte  Langen  vorrangig  zwischen
  drei  Kulturkreisen:  dem  deutschen,  dem  französischen  und  dem  skandinavischen.
  Im  Rahmen  dieses  Beitrags  beschränke  ich  mich  weitgehend  auf  seinen  Literatur-
  und  Ideentransfer  zwischen  Frankreich  und  Deutschland.1 2
Zum  Grenzgänger  prädestiniert?
Man  mag  über  Biographismus  denken,  wie  man  will,  doch  wenn  man  sich  mit  Grenzgängern
  beschäftigt,  bei  denen  private  Sphäre  und  öffentliches  Wirken  meist  eng  verflochten
  sind,  ist  die  Frage  nach  Herkunft  und  Lebensweg  fast  immer  angebracht.
Über  die  Familie  des  kurz  vor  der  Reichsgründung  1869  geborenen  Albert  Langen
sind  wir  durch  ein  ungewöhnliches  Dokument  informiert,  nämlich  durch  eine  vom
Urgroßvater  des  Verlegers  begonnene  Chronik,  in  der  dieser  die  Familiengeschichte
bis  ins  17.  Jahrhundert  verfolgt  und  die  von  seinen  Nachfahren  weitergeschrieben
wurde.  Langen  entstammt  einer  alteingesessenen  protestantischen  Familie  aus  dem
Rheinland,  die  seit  dem  19.  Jahrhundert  in  Köln  ansässig  war  und  sich  aus  bescheidenen
  Verhältnissen  zu  Reichtum  und  Ansehen  emporgearbeitet  hatte.  In  der  zweiten
Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  besaßen  die  Langens  Eisenhütten  und  Zuckerfabriken,
investierten  in  die  Dampfkesselindustrie  und  waren  Mitbesitzer  des  Schaafhausenschen
  Bankvereins.  Albert  Langens  Onkel  Eugen,  der  Bruder  seines  Vaters,  war  an
zahlreichen  Erfindungen  beteiligt  -  die  Schwebebahn  Barmen-Elberfeld  ist  beispiels¬1

  Ich  verstehe  im  Rahmen  meines  Beitrags  den  Begriff  im  weitesten  Sinn:  Grenzgänger  als
Frauen  und  Männer,  die  von  Berufs  wegen,  einfach  aus  Neugier  oder  gezwungenermaßen
(Exil)  Landesgrenzen,  und  damit  Sprach-  und  Kulturgrenzen,  überschreiten  und  auf  diesen
‘Grenzgängen’  Waren  jeglicher  Art  und  Ideen  vehikulieren.
2  Eine  ausführliche  Darstellung  der  verlegerischen  Tätigkeit  A.  Langens  findet  sich  bei  Helga
  Abret,  Albert  Langen.  Ein  europäischer  Verleger,  München  1993.

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