Full text : "Grenzgänger"

denn  *Willermel  ist  eine  Ableitung  von  Guillaume  “Wilhelm”  mit  typisch  ostfranzösischem
  w-  Anlaut45.
Das  viel  gebrauchte  Familiennamensuffix  -ey,  das  seine  hohe  Frequenz  sicher  auch
der  Analogie  verdankt,  entspricht  meist  dem  dialektalen  -¿¿'des  Urbeiser  Patois,  welches
  auf  lat.  -ellu  (fr.  -eau)  zurückgeht.  Als  Ausgangsformen  für  Symeney,  Zschekeme
  und  Willermey  ergäben  sich  demnach  *Simonel,  *Jaiquemel  und  *Willermel.  Die
Graphien  Symonel  und  Jaikemel  finden  sich  auch  tatsächlich  im  Altlothringischen46.
Mit  diesem  Suffix  wurden  auch  Rossey  (z.B.  Clewelinus  dictus  Rossey  1362)  zu  roux
“rothaarig”,  Morey  (1544  im  Münstertal)  zu  maurus  “dunkelhäutig”  sowie  Roley
(z.B.  Nicolaus  Roley  1343)  zum  Vornamen  Roul  “Raoul”  versehen.  Clewelin  Rossey
der  metziger  (1382)  ist  allem  Anschein  nach  identisch  mit  Rosselin  der  metziger
(1408),  dem  man  nach  dem  ersten  Suffix  -el  ein  weiteres  Suffix  -in  angehängt  hat47.
Ein  schwieriger,  aber  um  so  interessanterer  Fall  ist  1408  Atrey  in  Rappoltsweiler.  Es
handelt  sich  um  eine  Ableitung  von  lothringisch  Atre,  lat.  Auctor,  fr.  Auteur,  dem  13.
Bischof  von  Metz.  Die  Ableitung  geht  vom  lateinischen  Nominativ  aus.  Der  Name
gehörte  also  ursprünglich  in  den  Kulturbereich  von  Metz.  Man  kann  an  ihm  auch  seinschön
  die  ostfranzösische  Entsprechung  -a-  zu  zentralfranzösisch  -au-  beobachten48.
Im  Urbeistal  selber,  nämlich  in  Urbach/Freland,  finden  wir  1421  Ancey  für  heute  weit
verbreitetes  Ancet9.  Es  muß  aber  betont  werden,  daß  zwischen  Mittelalter  und  Moderne
  ein  ziemlich  radikaler  Kontinuitätsbruch  der  Familiennamen  stattfand,  der
wohl  dem  Dreißigjährigen  Krieg  zu  verdanken  ist.
Die  Münstertäler  Gladey  (1580/83)  und  Madei  (1441)  bzw.  Made  (1452),  zwei  Varianten
  von  Weier  im  Tal,  entsprechen  den  französischen  Claudel  bzw.  Madel.  Letzteres
  ist  noch  als  madei  in  Urbeis  bekannt,  wenn  auch  nur  in  einem  Flurnamen.  Bei
Gladey  stellen  wir  erneut  die  Monophthongierung  von  au  >  a  fest.  Der  stimmhafte
Anlaut  G-  von  Claude  ist  das  im  Ostfranzösischen  Übliche.  Madel  hängt  laut  Morlet
mit  der  Sippe  von  germ.  madal  zusammen,  was  allerdings  wenig  wahrscheinlich
klingt,  ebensowenig  wie  die  Einordnung  eines  isolierten  elsässischen  Made-Belegs
in  die  Taufnamen  bei  Socin50.

RUB,  1  (wie  Anm.3),  S.  265.
4h  Jacobsson,  Bans  de  tréfonds  (wie  Anm.9),  S.  70,  73.
47  RUB,  1  (wie  Anm.3),  S.  413  (ager  Nicolai  dich  Roley  de  Keyserspergk),  577;  RUB,  2  (wie
Anm.3),  S.  184,  570  (nebent  Rosselin  dem  metziger).  Matter,  Bürgerverzeichnis  (wie
Anm.7),  S.  26.
48  RUB,  2  (wie  Anm.3),  S.  570  (Hennin  Atreys  guot).  Brattö,  Anthroponymie  messine  (wie
Anm.10),  S.49.  Louis  Remacle,  La  différenciation  dialectale  en  Belgique  romane  avant
1600,  Genève  1992,  S.  38-42.
49  Die  heutigen  Familiennamen  der  Gegend  stehen  u.a.  bei  Charles  Schillingen  Fréland/Haute
Alsace.  Recueil  historique  et  généalogique  des  origines  à  la  Révolution,  Fréland  1991,  S.
220-246.
50  Hans  Witte,  Romanische  Bevölkerungsrückstände  (wie  Anm.42),  S.  87.  Matter,  Bürgerverzeichnis
  (wie  Anm.7),  S.  28.  Müller,  Siedlungs-  und  Flurnamen  (wie  Anm.  13),  S.  228.  Marie-Thérèse
  Morlet,  Dictionnaire  étymologique  des  noms  de  famille,  Paris  1991,  S.  646.
Socin,  Mittelhochdeutsches  Namenbuch  (wie  Anm.4),  S.  152.

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