Full text : "Grenzgänger"

dem  im  Mittelalter  tatsächlich  belegten  lothringischen  Mangin.  Die  deutsche  Graphie
  -sch-  steht  also  für  den  stimmhaften  Zischlaut  -j-.
Die  lothringische  Vollform  von  Dominicus  ist  Domange  und  somit  ein  Homophon
von  domange  “Sonntag”.  Daraus  erklären  sich  solche  uns  heute  gewaltsam  erscheinenden
  Übersetzungen  wie  1467  Sunnentag  der  Walch  von  Sant  Diedolt,  1471  Symondt
  Sonndag  von  Stiffe,  1490  Sontag  uf  der  brücken,  ein  Einwohner  von  Urbeis19.
Diese  Art  der  Registrierung  von  Domange  hat  sich  im  übrigen  im  Elsaß  bis  in  die  erste
  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts  gehalten20.
Dagegen  ist  die  Form  Damene  (in  1526  Wanson  Damene  aus  Urbach/Fréland)  nicht
als  Synonym  erkannt  worden,  und  zwar  mit  gutem  Grund,  liegt  hier  doch  aller  Wahrscheinlichkeit
  nach  eine  für  Lothringen  ungewohnte  Form  für  “Sonntag”  aus  der
Franche-Comté  vor,  d.  h.  der  Träger  des  Namens  ist  von  dort  eingewandert21.
Im  Jahr  1373  wird  neben  fünf  allem  Anschein  nach  Deutschsprachigen  ein  Johans
Munschin  von  Basemont  im  Urbeistal  aufgenommen.  Es  handelt  sich  bei  der  Ortsangabe
  um  Saint-Baslemont  bei  Damey  im  Vogesen-Departement22,  mit  typisch  lothringischer
  Behandlung  des  Proparoxytonon:  der  Heiligenname  Bàsolus  entwickelte
sich  zu  Base  und  nicht  zu  Bâle  (Basle)  wie  im  Französischen.  Munschin  ist  eine  Annäherungs
  Schreibung  für  das  eben  besprochene  Mangin,  für  welches  sich  sogar  Muschin
  findet  (1367)23.
1526  schließlich  ist  ein  Jorg  von  Geratsee  als  Grundbesitzer  in  Urbeis  (Remomont)
bezeugt24.  Der  Ortsname  wurde  hier  wie  anderswo  aus  Gérardmer  teilübersetzt,  wobei
  der  zweite  Teil  als  -mer  “See”  und  nicht  als  -meix  “Siedlung”  aufgefaßt  wurde.
Bei  den  eben  erwähnten  Einwandemngen  stellt  sich  die  Frage,  warum  sich  Personen
aus  manchmal  weit  entfernten  Gegenden  in  einer  klimatisch  ungünstigen  Bergregion
niederließen.  Man  kann  daraus  doch  wohl  nur  auf  systematische  Anwerbung  unter
Versprechung  fiskalischer  oder  anderer  Vorteile  schließen.
*

Die  Einwanderung  machte  aber  nicht  an  den  Grenzen  des  welschen  Bannes,  d.h.  des
Urbeistales,  halt.  Bemerkenswert  wegen  seines  frühen  Datums  1317  und  wegen  des
Wohnortes,  nämlich  Ammerschweier  am  Fuß  der  Straße  über  den  Col  du  Bonhomme
nach  Lothringen  gelegen,  ist  Bisentzun,  Rokkenbrotes  tohterman.  Bisentzun  entspricht
  dem  französischen  Besançon,  einem  Familiennamen,  welcher  in  weiten  Tei¬RUB,

  4  (wie  Anm.3),  S.  514,  515;  RUB,  5  (wie  Anm.3),  S.  408.
20  Witte,  Deutschtum  (wie  Anm,8),  S.  51  (zwei  Beispiele),  58,  61.
21  Archives  départementales  du  Haut-Rhin  à  Colmar  (=ADC),  E  2630,  fol  7  v  (ohne  Interpretation
  zitiert  bei  Witte,  Deutschtum  (wie  Anm.8),  S.  68);  im  Doppelregister,  fol  8  v  als
Wanson  Dammene  verzeichnet.  -  FEW,  3,  129  b.  GPSR,  5,  713  b.  Colette  Dondaine,  Les
parlers  comtois  d’oïl,  Paris  1972,  S.  408-409,
22  RUB,  2  (wie  Anm.3),  S,  97.  Die  im  Index  zweifelnd  vorgetragene  Identifizierung  mit  Bassemberg/Kreis
  Schlettstadt  hat  wenig  Wahrscheinlichkeit  (ebd.,  S.602).
23  Mangolt  Muschin;  RUB,  2  (wie  Anm.3),  S.  30.
24  ADC  (wie  Anm.21  ),  E  2630,  fol  3.  Zwei  vergleichbare  Personennamen  von  Gerardsee  aus
der  gleichen  Quelle  in  Fréland/Urbach  publizierte  Witte,  Deutschtum  (wie  Anm.8),  S.  68.

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