Full text : "Grenzgänger"

Wulf  Müller

Mittelalterliche  Grenzgänger  aus  Lothringen
(an  Hand  französischer  Personennamen  im  Oberelsass)

Das  Elsaß  war  das  ganze  Mittelalter  hindurch  eine  der  Kemprovinzen  des  alten  deutschen
  Reiches,  so  daß  man  sich  dort  nur  bedingt  über  die  Randlage  zur  Frankophome
Rechenschaft  ablegte.  So  etwa  geruhte  man  in  Straßburg  erst  in  den  dreißiger  Jahren
des  18.  Jahrhunderts,  die  romanischsprachige  Bevölkerung  des  Breuschtals  (vallée
de  la  Bruche)  zur  Kenntnis  zu  nehmen1.  Erst  der  große  Schöpflin  interessierte  sich
dann  1751  und  1761  in  allen  Einzelheiten  für  die  Sprachgrenze  in  seinem  zweibändigen
  Werk  Alsatia  illustrata.
Während  des  Mittelalters  und  der  Humanistenzeit  galt  ganz  einfach  das  Vogesengebirge
  als  sprachliche  Grenzscheide,  ohne  daß  man  es  für  nötig  hielt,  sich  um  Einzelheiten
  zu  bemühen.  Immerhin  waren  sich  die  Colmarer  Dominikaner  in  ihren  Chroniken
  seit  dem  13.  Jahrhundert  darüber  klar,  daß  in  der  Burgundischen  Pforte  Mömpelgard/Montbéliard
  oder  Pruntrut/Porrentruy  auf  französischsprachigem  Gebiet  lagen1
 2.
Auf  der  praktischen  Ebene,  wo  es  z.B.  um  die  Einziehung  der  Steuern  und  Abgaben
ging,  mußte  man  natürlich  den  Gegebenheiten  Rechnung  tragen,  indem  man  für  eine
wenigstens  rudimentäre  romanische  Verwaltung  etwa  in  der  habsburgischen  Burgundischen
  Pforte  oder  in  dem  seit  rund  1300  mehrheitlich  patoissprachigen  rappoltsteinischen
  Urbeistal/Val  d’Orbey  sorgte.  Das  gleiche  gilt  für  das  wohl  sehr  früh  gemischtsprachige
  Lebertal/Val  de  Lièpvre,  an  dessen  Herrschaft  der  Herzog  von  Lothringen
  unmittelbar  beteiligt  war.
Zwar  liegt  die  Vermutung  auf  der  Hand,  daß  der  Lothringer  Herzog  vielfach  in  seinen
Ausdehnungsbestrebungen  in  Richtung  Elsaß  auf  lothringische  Siedler  zurückgriff,
doch  läßt  sich  dies  nicht  direkt  aus  den  Quellen  belegen.
*
Quellen  liegen  glücklicherweise  in  genügender  Anzahl  und  Dichte  vor.  Eines  der
Grundlagenwerke  für  die  Bevölkerungsgeschichte  des  Oberelsaß  im  Mittelalter  bildet
  das  fünfbändige  Rappoltsteinische  Urkundenbuch  von  Karl  Albrecht  vom  Ende

1  Paul  Lévy,  La  langue  allemande  en  France.  1.  Des  origines  à  1830,  Paris  1950,  S.  196.  Vgl.
Wulf  Müller,  Le  concept  de  frontière  linguistique  au  XIXe  siècle  (Avec  référence  à  l’Alsace),
  in:  Le  français  en  Alsace.  Actes  du  colloque  de  Mulhouse  (17-19  novembre  1983),  Paris-Genève
  1985,  S.  143-155,  hier  S.  145.
2  Müller,  Concept  (wie  Anm.l),  S.  143-144.

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