Full text : "Grenzgänger"

raum  der  Schäfer,  die  sich  dem  Wandertrieb  ihrer  Herden  anpaßten  und  im  regelmäßigen
  Weide  Wechsel36  gezwungen  waren,  die  Pässe  häufig  in  beiderlei  Richtung  zu
überqueren.  Ihnen  waren  alle  Schleichwege  bekannt,  und  dieses  Wissen  machte  sich
der  perfectus  Guillelmus  Belibasta  zunutze,  als  er  sich  nach  der  Hinrichtung  des
Petrus  Auterii  zur  Flucht  in  den  Süden  entschloß.  Belibasta,  nach  Arno  Borsts  griffiger
  Formulierung  “der  letzte,  nicht  der  würdigste  ‘Vollendete’”,37  hatte  im  Streit  einen
  Schäfer  erschlagen.  Um  der  drohenden  Strafverfolgung  zu  entgehen,  schloß  er
sich  Katharern  an,  die  auf  dem  Weg  nach  Katalonien  waren.  Im  Unterschied  zu  den
meisten  seiner  Glaubensbrüder  war  er  also  nicht  Flüchtling  aufgrund  häretischer
Überzeugungen,  sondern  er  wurde  zum  Häretiker,  weil  er  fliehen  mußte.
Trotz  seines  eher  fragwürdigen  Charakters  gelang  es  Belibasta,  im  Exil  eine  kleine
Schar  von  Anhängern  um  sich  zu  sammeln  und  über  Jahre  hinweg  seelsorglich  zu  betreuen.
  Aber  schließlich  erreichte  auch  ihn  der  lange  Arm  der  Inquisition.  Amaldus
Cicredi  aus  Ax(-les-Thermes)  hatte  sich  als  Spitzel  und  Lockvogel  zur  Verfügung
gestellt,  der  katharische  Neigungen  vortäuschte,  um  die  Festnahme  Belibastas  zu  ermöglichen.
  Über  das  trickreiche  Vorgehen  des  Amaldus  sind  wir  dank  seiner  ausführlichen
  Aussage38  genauestens  unterrichtet.  Mit  erstaunlichem  Freimut  bekennt
er,  aus  rein  materiellen  Motiven  zum  Ketzerjäger  geworden  zu  sein.  Seine  Mutter
nämlich,  Sibilia  den  Balle,  war  eine  engagierte  Sympathisantin  der  Häresie  gewesen,
und  der  Graf  von  Foix  hatte  deshalb  ihr  Haus  konfisziert.  Als  Amaldus  sich  erkundigte,
  wie  er  das  mütterliche  Erbteil  zurückerlangen  könne,  erhielt  er  von  seinem
Bruder  Petrus  den  Rat,  er  solle  irgendeinen  Ketzer  fangen  und  in  den  Machtbereich
des  zuständigen  Herrn  überfuhren:3'3  Immerhin  sei  für  die  Ergreifung  etlicher  Gesuchter
  eine  Belohnung  von  50  Pfund  Tumosen  ausgesetzt.
Der  finanzielle  Anreiz  war  für  Amaldus  Grund  genug,  sich  nach  Süden  aufzumachen
und  -  etwas  ziellos  -  diversa  loca  regni  Aragonie  zu  durchstreifen.  Schließlich  verdingte
  er  sich  in  San  Mateo  bei  einem  Schuster.  Als  er  eines  Tages  in  der  Werkstatt
saß,  hörte  er  auf  der  Straße  eine  Frau  rufen:  “Gibt  es  Getreide  zu  mahlen?”  Als  er  sie
an  ihrer  Redeweise  als  eine  Landsmännin  erkannte,  stellte  er  sich  als  Sohn  der  Sibilia
den  Balle  vor  und  gewann  so  ihr  Vertrauen:  Sibilia  nämlich  sei  eine  “sehr  anständige
Frau”  gewesen  (dicta  mulier  respondit,  quod  dicta  Sibilia  fuerat  beneproba  mulier).
Mit  dieser  Empfehlung  gelang  es  Amaldus,  Zugang  zum  Kreis  um  Guillelmus  Belibasta
  zu  finden.  Dieser  selbst  lehnte  es  aus  Vorsicht  ab,  in  San  Mateo  zu  wohnen:  Der
Ort  liege  an  der  vielfrequentierten  Straße  nach  Valencia,  und  die  Gefahr  sei  daher  zu
groß,  daß  er  von  irgendjemandem  erkannt  werde.40

36  Die  bevorzugten  Sommer-  und  Winterweiden  sind  kartographisch  erfaßt  bei  Le  Roy  Ladurie
  (wie  Anm.  9)  S.  198;  zu  den  “mentalités  pastorales”  s.  ebd.,  S.  174-196.
17  Borst  (wie  Anm.  17)  S.  136.
38  Protokolliert  in  Le  registre  (wie  Anm.  22)  Bd.  2,  S.  20-81.
34  Ebd.,  S.  21  :...  qui  Petrus  respondit  ei,  quod  non  videbat  viam  qualiter  dictam  domum  recuperare
  posset,  nisi  aliquem  hereticum  caperet  et  ad  potestatem  alicuius  domini  duceret.
40  Ebd.,  S.  42:...  pro  eo,  quia  villa  Sancti  Mathei  est  in  itinere  civitatis  Valende  ad  quam  multi
vadunt,  et  timendum  erat,  ne  ab  aliquo  ibi  cognoscemur.

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