Full text : "Grenzgänger"

dauerhaft  auf  familiäre  Unterstützung  angewiesen.  Daneben  dürften  genuin  religiöse
Erwägungen  manchen  veranlaßt  haben,  sich  nicht  allzu  weit  von  der  früheren  Wirkungsstätte
  zu  entfernen.  Denn  nur  ein  Teil  der  katharischen  credentes  war  bereit,
den  beschwerlichen  Fluchtweg  anzutreten,  aber  auch  die  Daheimgebliebenen  hatten
ihre  spirituellen  Bedürfnisse,  die  von  Fall  zu  Fall  Kontaktaufnahmen  mit  den  exilierten
  perfecti  erforderlich  machten.  Eine  nachweislich  rege  Botentätigkeit  trug  dazu
bei,  die  räumliche  Distanz  zwischen  Languedoc  und  Lombardei  zu  überbrücken;
durch  die  Übermittlung  von  Briefen  und  Segenswünschen  wurde  ein  Mindestmaß  an
seelsorglicher  Betreuung  garantiert.  Ein  typischer  Notbehelf  war  das  “geweihte
Brot”,  das  die  physische  Präsenz  der  perfecti  ersetzen  sollte  und  von  den  credentes
fast  wie  eine  Reliquie  behandelt  wurde.25  Eigentlich  widersprach  der  Besitz  solcher
Devotionalien  der  katharischen  Lehre,  die  alles  Materielle  als  Teufelswerk  abtat.  In
ihrem  pseudo-sakramentalen  Charakter  erweist  sich  die  Verehrung  des  geweihten
Brotes  somit  als  ein  Fremdkörper  innerhalb  des  Katharismus:  Unter  dem  Eindruck
der  anhaltenden  Verfolgung  und  in  Abwesenheit  ihrer  geistlichen  Führer  waren  die
credentes  offenbar  nicht  imstande,  ihren  Glauben  von  katholisierenden  Tendenzen
freizuhalten.
Trotz  der  unübersehbaren  Verfallssymptome  fühlte  sich  kaum  einer  der  geflohenen
perfecti  verpflichtet,  das  sichere  Exil  zu  verlassen  und  im  Languedoc  die  ursprüngliche
  Reinheit  der  Lehre  wiederherzustellen.  Eine  seltene  Ausnahme  war  der  Notar
Petrus  Auterii,26  der  1296  von  Tarascon  aus  in  die  Lombardei  reiste,  wo  er  das  consolamentum
  empfing.  Im  Jahre  1300  kehrte  er  in  die  Grafschaft  Foix  zurück  und  versuchte
  dort  in  unermüdlichem  Einsatz,  die  katharischen  Gemeindestrukturen  wiederzubeleben.
  1309  fiel  er  den  Häschern  der  Inquisition  in  die  Hände,  vermutlich  1310
wurde  er  hingerichtet.  In  einem  knappen  Jahrzehnt  war  es  ihm  gelungen,  mehr  als
100  Ortschaften  zu  missionieren:  unter  den  gegebenen  Verhältnissen  eine  schier  unglaubliche
  Energieleistung.
Der  bemerkenswerte  Missionserfolg  zeigt,  wie  tief  noch  immer  die  Neigung  zum  Katharismus
  in  der  Bevölkerung  verwurzelt  war.  Da  aber  die  meisten  perfecti  das  Languedoc
  mieden,  konnte  die  Inquisition  sich  weitgehend  auf  die  Ausschaltung  der
nuntii  konzentrieren.  Welche  Aufmerksamkeit  man  ihren  Aktivitäten  widmete,  verraten
  die  insistierenden  Fragen  in  den  Verhörprotokollen.  So  mußte  in  Carcassonne
eine  Zeugin  darüber  Auskunft  geben,  ob  sie  gewisse  Lombardi  peregrini  für  Ketzer
oder  Ketzerboten  gehalten  habe.27  Und  ein  Petrus  Maurelli  wurde  aktenkundig,  weil
er  “häufig”  im  Auftrag  lombardischer  Gesinnungsgenossen  die  credentes  in  der  Ge¬25

 In  Carcassonne  gesteht  ein  Angeklagter  den  Inquisitoren,  quod  quidam  de  Lombardia  apportavit
  sibi  panem  benedictum  ab  haereticis:  von  Döllinger  (wie  Anm.  20)  S.  35.  Zur  Verwendung
  des  geweihten  Brotes  s.  auch  Stoodt  (wie  Anm.  22)  S.  242-249.
■6  Zu  seiner  Biographie  und  seinem  Wirken  als  “Reorganisator  des  Katharismus”  s.  vor  allem
Stoodt  (wie  Anm.  22)  S.  53-210;  vgl.  daneben  die  -  durch  Stoodt  z.  T.  überholte  -  Studie  von
Jean  Duvemoy,  Pierre  Autier,  in:  Cahiers  d’études  cathares  21  (automne  1970),  S.  9-49.
~7  Interrogata,  num  credebat,  dictos  Lombardos  peregrinos  fore  haereticos,  vel  nuncios  haereticorum
  ...;  von  Döllinger  (wie  Anm.  20)  S.  36.

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