(erat in tranquillitate et pace), und der Bischof von Toulouse möge zwei Mitbrüder
entsenden, die über sein Befinden Auskunft geben könnten.20 Unter dem zunehmenden
Druck der inquisitorischen Verfolgung blieb den Katharern des Languedoc,
wenn sie dem Scheiterhaufen entgehen wollten, nur der Weg ins lombardische Exil.
Die religiös motivierte Abwanderung erreichte zeitweilig solche Ausmaße, daß
Sprachwissenschaftler sogar gewisse Gemeinsamkeiten zwischen dem okzitanischen
und dem friaulischen Dialekt darauf zurückführen wollen.21
Die Reise in die Lombardei war alles andere als ungefährlich. Zur Warnung erzählte
man sich in katharischen Kreisen die Geschichte zweier Glaubensgenossinnen, deren
unüberlegter Fluchtversuch bereits in Toulouse scheiterte. Die beiden waren in einer
Herberge abgestiegen und hatten durch ihr Verhalten den Verdacht der Wirtin erregt.
Diese gab vor, sie habe noch etwas in der Stadt zu erledigen, und bat ihre Gäste, in der
Zwischenzeit ein paar Hähnchen für das Mittagessen vorzubereiten. Als überzeugte
Katharerinnen lehnten die beiden Frauen es ab, die Tiere zu töten. Damit waren sie
überfuhrt; sie wurden der Inquisition übergeben und zum Feuertod verurteilt.22
Aus tragischen Vorfällen dieser Art zogen die Katharer ihre Lehren. Häufig taten sie
sich zu größeren Gruppen zusammen, um verräterische Verhaltensweisen in der Öffentlichkeit
leichter kaschieren zu können. Nach Möglichkeit wurde der Antritt längerer
Reisen bis zur Fastenzeit aufgeschoben,23 24 weil dann auch katholischen Christen
der Fleischgenuß untersagt war. Vor allem aber griff man auf die Dienste ortskundiger
Führer zurück, die als regelmäßige Grenzgänger mit den Fluchtwegen bestens
vertraut waren. Immer wieder wird in den Quellen die piemontesische Stadt Coni als
wichtige Durchgangsstation genannt. Ein Zeuge der Inquisition kennzeichnet ihre
Lage mit den Worten in principio Lombardier betont also ihre unmittelbare Grenznähe.
Mit dem Erreichen dieses Ortes konnte sich, wie die Formulierung anzudeuten
scheint, der Flüchtling erstmals in Sicherheit fühlen. Viele Katharer zogen nach kurzem
Aufenthalt von Coni aus weiter, aber auch in der Stadt selbst entstand eine ansehnliche
Exilgemeinde. Die Nähe zur früheren Heimat mag dabei eine Rolle gespielt
haben: Für Verwandte und Bekannte war man in principio Lombardie leichter
erreichbar, und nicht wenige Exulanten blieben mangels einer einträglichen Arbeit
20 Ignaz von Döllinger, Beiträge zur Sektengeschichte des Mittelalters. 2. Teil: Dokumente
vornehmlich zur Geschichte der Valdesier und Katharer, München 1890, S. 34 f. Zur Datierung
s. Oldenbourg (wie Anm. 14) S. 317.
21 Auf derartige Erwägungen verweist Borst (wie Anm. 17) S. 123, Fußn. 123.
22 Le registre d’inquisition de Jacques Fournier, évêque de Pamiers (1318-1325), ed. Jean Duvemoy,
3 Bde. (Bibliothèque méridionale, 2e série, 41/1-3), Toulouse 1965; hier Bd. 1, S.
220 f. Vgl. Hans Christoph Stoodt, Katharismus im Untergrund. Die Reorganisation durch
Petrus Auterii 1300-1310 (Spätmittelalter und Reformation. Neue Reihe 5), Tübingen
1996, S. 99.
23 Le registre (wie Anm. 22) Bd. 2, S. 71 : ...quod non iretis nisi in quadragesima, in qua sint
cibi communes vobis et aliis, ne si alio tempore iretis, quia carnes non comeditis, possetis
cognosci ab aliquo. Nicht zufällig trat also Petrus Auterii seine Rückreise aus der Lombardei
während der Fastenzeit an; vgl. Stoodt (wie Anm. 22) S. 109 f.
24 Le registre (wie Anm. 22) Bd. 2, S. 216. Zur Lage des Ortes und seiner Bedeutung für die
Fliehenden s. auch Stoodt (wie Anm. 22) S. 94-100.
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