hen mußte.12 Die Katharer empfanden es, wie Petrus mißfällig kommentiert, als besonderen
Ruhmestitel, einen Überläufer aus der Francia in ihren Reihen zu wissen,
denn dort liege bekanntlich “der Quell der Wissenschaft und der christlichen Religion”.13
Gerade weil sich diese emphatischen Worte offensichtlich dem Eigendünkel
eines “französischen” Autors verdanken, bezeugen sie die tiefe Kluft, die damals den
Norden und den Süden des heutigen Frankreich voneinander trennte - eine Kluft, die
durch die Albigenserkriege (1209-1229) gewaltsam überwunden wurde. Als letzte
Bastion der Häretiker konnte sich der schwer zugängliche Montségur bis 1244 gegen
eine feindliche Übermacht behaupten; nach der Kapitulation starben am 16. März
rund 200 katharische Bekenner auf dem Scheiterhaufen. Nicht von ungefähr zählt
eine populäre Buchreihe dieses Datum zu den “Trente journées qui ont fait la France”.14
Was der Fall des Montségur fur die verbliebenen Albigenser bedeutete, läßt sich nur
vor dem Hintergrund des katharischen Heilsverständnisses begreifen. Ihm lag nämlich
eine strikte Unterscheidung von perfecti und credentes, von “Vollkommenen”
und “Gläubigen”, zugrunde.15 Nur wer das consolamentum, die katharische Geisttaufe,
empfangen hatte, durfte sich zur Elite der perfecti zählen und konnte darauf hoffen,
daß seine Seele nach dem Tod Erlösung finden werde. Um dieses Ziel zu erreichen,
mußte man sich einer rigoristischen Ethik unterwerfen, die absoluten Gewaltverzicht,
sexuelle Enthaltsamkeit und unbedingte Verpflichtung zur Wahrheit einschloß.
Nicht nur der Fleischgenuß war untersagt, sondern auch der Verzehr anderer
tierischer Produkte wie Milch oder Eier. Die credentes hatten demgegenüber den Status
bloßer Sympathisanten. Sie durften nach Gutdünken ihre Glaubensüberzeugungen
verleugnen, sogar katholische Gottesdienste besuchen und ihre Kinder taufen
lassen. Ihre einzige Heilsperspektive bestand darin, sich auf dem Totenbett durch
Handauflegung eines perfectus das consolamentum spenden zu lassen und so im Zustand
der Vollkommenheit zu sterben.
Nach dem 16, März 1244 verließen fast alle überlebenden perfecti das Languedoc
und gründeten Exilgemeinden in benachbarten Regionen. Ein Großteil der Verfolgten
floh in die Lombardei, andere suchten jenseits der Pyrenäen, in Katalonien, eine
neue Heimat. Die credentes, die sich dem Zugriff der Inquisitoren leichter entziehen
konnten, blieben mehrheitlich im Lande zurück. Auf Dauer freilich war der Fortbestand
katharischer Organisationsstrukturen nicht ohne den Zuspruch der perfecti zu
gewährleisten. In dieser existenzgefährdenden Situation taten sich Boten hervor, die
in riskantem Einsatz den Kontakt zwischen Exilierten und Daheimgebliebenen si-12
Petri Vallium Samaii monachi Hystoria Albigensis, ed. Pascal Guébin/Emest Lyon, Bd. 1,
Paris 1926, S. 24-26 (c. 22); zur mutmaßlichen Identität jenes Theodoricus s. ebd., S. 25,
Fußn. 2.
13 Ebd., S. 25 f.:... quia gloriabantur se habuisse de Francia (ubi esse dinoscitur fons seiende
et religionis Christiane) sue credulitatis socium, sue nequitie defensorem.
14 Zoé Oldenbourg, Le Bûcher de Montségur. 16 Mars 1244 (Trente journées qui ont fait la
France), Paris 1959.
15 Es ist nicht klar erkennbar, ob diese Begrifflichkeit von den Katharern selbst geprägt wurde
oder eher auf den Erfassungskriterien der Inquisition basiert. In jedem Fall aber entspricht
die Unterscheidung sachlich dem katharischen Selbstverständnis.
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