Full text : "Grenzgänger"

Michael  Obenveis

“KETZERBOTEN”  ALS  GRENZGÄNGER.  KATHARISCHE  MISSIONARE
auf  der  Flucht  vor  inquisitorischer  Verfolgung

1. Die  Wahrnehmung  von  Grenzgängern  in  mittelalterlichen  Quellen
Im  Jahre  1022  wurde  in  der  französischen  Bischofsstadt  Orléans  eine  Häresie  entdeckt,
  zu  deren  Anhängern  vornehme  Laien  und  hochrangige  Domkleriker  zählten.
Mit  einer  dem  Mittelalter  bis  dahin  unbekannten  Radikalität  leugneten  die  Sektierer
fundamentale  Glaubensinhalte  wie  Jungfrauengeburt,  sakramentale  Sündenvergebung
  und  eucharistische  Gegenwart  Christi.1  Daß  sich  sogar  Mitglieder  der  königlichen
  Hofkapelle1 2  zu  den  ketzerischen  Lehren  bekannten,  wurde  als  besonders  skandalös
  empfunden,  und  entsprechend  mühevoll  suchten  die  Geschichtsschreiber  des
11.  Jahrhunderts  nach  plausiblen  Erklärungen.  Der  Cluniazenser  Radulf  Glaber  kolportiert
  in  seinen  Historiae  das  Gerücht,  eine  vom  Teufel  besessene  Italienerin  habe
jene  “wahnsinnige  Häresie”  nach  Frankreich  gebracht  und  gerade  in  Orléans,  wo  sie
sich  eine  Zeitlang  aufhielt,  viele  mit  dem  “Gift  ihrer  Bosheit”  infiziert.3  Davon  abweichend,
  aber  nicht  minder  unglaubwürdig  behauptet  die  Chronik  Ademars  von
Chabannes,  die  inkriminierten  Kanoniker  seien  von  einem  Bauern  (a  quodam  rustico),
  der  sich  als  Wundertäter  ausgab,  getäuscht  und  zu  “Manichäern”  gemacht  worden.4
  Eine  variierende  Lesart,  wohl  von  Ademar  selbst  herrührend,  fugt  die  Herkunftsangabe
  Petragoricensi  hinzu,5  läßt  den  Bauern  also  aus  dem  Périgord  stam¬1

  Über  die  Vorgänge  in  Orléans  informiert  ausführlich  Renate  Gorre,  Die  Ketzer  im  11.  Jahrhundert:
  Religiöse  Eiferer  -  Soziale  Rebellen?  Zum  Wandel  der  Bedeutung  religiöser  Weltbilder
  (Konstanzer  Dissertationen  4),  Konstanz  1982,  S.  56-119.  Vgl.  daneben  Heinrich
Fichtenau,  Die  Ketzer  von  Orléans  (1022),  in:  Ex  ipsisrerum  documentis.  Beiträge  zur  Mediävistik
  (Festschrift  für  Harald  Zimmermann),  hg.  v.  Klaus  Herbers,  Hans  Henning  Kortüm
  u.  Carlo  Servatius,  Sigmaringen  1991,  S.  417-427.
2  Einer  der  zum  Feuertod  verurteilten  Geistlichen  hatte  zeitweilig  als  Beichtvater  Konstanzes,
  der  Gemahlin  König  Roberts  des  Frommen  (996-1031),  fungiert.
3  Fertur  namque  a  muliere  quadam  ex  Italia  procedente  hec  insanissima  heresis  in  Galliis
habuisse  exordium  ...  Que  scilicet  veniens  civitatem  Aurelianensem  dum  moraretur  ibiper
aliquod  spacium  temporis,  veneno  sue  nequitie  plures  infecit.  Rodulfi  Glabri  Historiarum
libri  quinque,  edited  and  translated  by  John  France  (Oxford  Médiéval  Texts),  Oxford  1989,
S.  138  (111,8.26).
4  Adémar  de  Chabannes,  Chronique,  ed.  Jules  Chavanon  (Collection  de  textes  pour  servir  à
l’étude  et  à  l’enseignement  de  l’histoire  20),  Paris  1897,  S.  184  (111,58).
5  Chavanon  verweist  den  Zusatz  in  den  textkritischen  Apparat  (ebd.,  Fußn.  b)  und  kennzeichnet
  ihn  damit  als  Interpolation  von  fremder  Hand.  Nach  neueren  Forschungen  handelt  es
sich  jedoch  bei  der  betreffenden  Rezension  des  Chronicon  um  eine  von  Ademar  selbst  überarbeitete
  Neufassung;  s.  dazu  Richard  Allen  Landes,  Relies,  Apocalypse,  and  the  Deceits  of
History.  Ademar  of  Chabannes,  989-1034,  Cambridge  (Mass.)/London  1995,  S.  217-221.

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