Volltext: "Grenzgänger"

(1) Grenzgang - hier als soziologisches Kürzel und nicht im Sinne eines volkstümli¬ 
chen Brauchtums (Umwanderung der Gemarkung) verwendet - soll verstanden wer¬ 
den als 
a) raumbezogenes, 
b) grenzüberschreitendes, 
c) soziales Handeln von einzelnen Individuen und sozialen Gruppen. 
(2) Grenzgängerisches Handeln hat mindestens zwei konkrete geographische Räume 
zur Voraussetzung, die durch Grenzen voneinander unterschieden sind. Diese Gren¬ 
zen müssen dem Handelnden als objektive Gegebenheit bekannt sein - als Sprach-, 
Kultur- oder politisch-nationale Grenzen, deren Überwindung an das Einhalten von 
Rechtsbestimmungen, Rituale, Grenzformalitäten, Berechtigungen usw. geknüpft 
ist. 
(3) Die Räume besitzen unterschiedliche Valenzen. In der Regel verläuft grenzgän- 
gensches Handeln von einem Herkunftsraum zu einem als fremd oder anders 
(sprachlich, kulturell, politisch, wirtschaftlich) strukturierten und empfundenen Ziel¬ 
raum, wo die Ziele, Zwecke, Wünsche des Handelns erfüllt werden sollen. 
(4) Grenzgängerisches Handeln hat eine kreisförmige Struktur: Die Handelnden keh¬ 
ren stets an den Ausgangsort zurück. Dieser - als angestammter von Geburt an oder 
als gewählter Ort - erfüllt die Funktionen der „rückseitigen Region“ (Giddens), also 
nach Habermas der als selbstverständlich angesehenen Lebenswelt, des Zusammen¬ 
sein-Könnens mit Seinesgleichen. 
(5) Grenzgängerisches Handeln ist ein regelmäßiges Handeln von unterschiedlicher 
Dauer. Es intendiert nicht die Seßhaftigkeit im aufgesuchten Zielraum. Die Regelmä¬ 
ßigkeit kann als routiniertes Alltagsverhalten - wie bei den Grenzarbeitnehmer/innen 
- oder wie im Falle des wöchentlichen Einkaufs, Kino- oder Diskobesuchs als regel¬ 
mäßige, jedoch die Alltagsroutine durchbrechende Tätigkeit bewertet werden. 
(6) Grenzüberschreitendes Handeln soll als legales Handeln verstanden werden. Die¬ 
ses Handeln wird im Zuge der europäischen Integration und der Durchlässigkeit der 
Grenzen von wachsender Bedeutung. 
(7) Grenzüberschreitendes Handeln ist risikohaftes Handeln. Den Erfolg können die 
sprachlichen, kulturellen, qualifikatorischen Differenzen gefährden, genauso wie 
Veränderungen in der Politik oder der wirtschaftlichen Lage den Umfang des Han¬ 
delns positiv oder negativ beeinflussen können. 
(8) Grenzgänger/innen sind einem mehrfachen Integrationsdruck ausgesetzt. In ihren 
jeweiligen Handlungsräumen müssen sie sich nach verschiedenen Ordnungsregein 
richten, was in kritischen Zeiten eine hohe Adaptationsleistung bedeutet. 
Es stellt sich abschließend die Frage, wer denn diese Grenzgänger/innen eigentlich 
sind. Die soziale Kategorie, über die wir einige Auskünfte haben, setzt sich haupt¬ 
sächlich aus Berufsgruppen zusammen. Meine Typologie beschränkt sich aber nicht 
nur auf diese. Ich rechne dazu auch beispielsweise Teile der in binationalen Ehe-Ge¬ 
meinschaften lebenden Personen mit einem bikulturellen Identitätsprofil, Diese Per¬ 
sonen befinden sich teilweise vom Herkunftsraum weit entfernt, stehen aber mit ihm 
in regelmäßigem Kontakt. Die gewählte Seßhaftigkeit scheint aber nach - zugegebe¬ 
nermaßen empirisch nicht überprüften - Informationen revidierbar. Nach den in die¬ 
ser Gmppe offensichtlich erhöhten Trennungs- oder Scheidungsraten setzt häufig 
eine Rückkehr in die „rückseitigen Regionen“ ein, vor allem von Frauen, die diesen 
42
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.