che Entscheidung. So sistiert die Grenzpolizei den Visumlosen auf der letzten Stufe
der Gangway, bevor er das ‘gelobte’ Land betreten hat.
Das Bild verfolgt mich, seit ich den Film des Griechen Theo Angelopoulos „Le pas
suspendu de la cigogne“ gesehen habe. Darin gibt es die berühmte Szene, in der ein
nackter Mann genau bis in die Mitte der alten Brücke geht und dort gebannt in Storchenstellung
stehen bleibt. Irgendwo auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses
liegt die Stadt - der Freiheit, der Erinnerung, der Zukunft? Den hochgezogenen Fuß
abzusetzen und die Grenze zu überschreiten, der nackte Mann und die Zuschauer
wissen es, bedeutet den Tod. Daher verharrt er in der Schwebestellung auf der Grenze.
Grenze kann in diesem Modell die geographisch-räumliche, die politisch-nationale,
aber auch die kulturelle Grenze oder jede Art von Übergangsgrenze in der menschlichen
Existenz beinhalten.
(2) Das „Voyeur-Modell“: Im Vordergrund steht hier der Gang an die Grenze, um einen
Blick hinüber zu werfen, zu erspähen versuchen, was dort vor sich geht. Die andere
Seite mag fremd sein oder vertraut, aber durch Trennungslinien nicht mehr oder
nur schwer noch zu erreichen. Die Besucher/innen-Tribüne an der Berliner Mauer, in
Nicosia auf Zypern usw. sind solche Grenzgänger-Orte. Eine andere Form des
Voyeurs ist der ungestillt Neugierige. „Als Kind am Ende des elterlichen Gartens auf
einem Westwall-Führungsbunker zu stehen und über Saarlouis hinweg auf die Hügelkette
gegenüber zu schauen, schloß für mich immer die Frage mit ein: was ist dahinter?“
Alfred Gulden14 will Grenze hier nur als einen Übergang zu dem Dahinterliegenden
verstanden wissen.
(3) Das „Streckenwärter-Modell“: Man bewegt sich entlang der verschiedenen sozialen
oder politischen Grenzen, die man wie ein Streckenwärter nach Veränderungen
inspiziert. Überschreitungen finden nur gelegentlich statt. Das Bild von der anderen
Seite, dem jeweils anderen, ist relativ fest. Um noch einmal Alfred Gulden zu bemühen,
die ffanzösisch-Leidinger und die deutsch-Leidinger wissen übereinander Bescheid,
auch wenn die politisch-nationale Grenze nicht mehr existiert. Grenzgänger/innen
nach diesem Modell halten sich in der Regel an die meist unsichtbaren
Grenzen, die die Menschen im sozialen Raum voneinander unterscheiden.
(4) Das „Wanderer-Modell“: Hier finden wir die eigentlichen Grenzüberschreiter/innen,
die sich auf ein relativ unbekanntes Terrain, ein fremdes Territorium, in eine andere
Gesellschaft und Kultur begeben. Dort bleiben sie kurze oder längere Zeit.
(5) Das „Zwei-Welten-Modell“: Es umfaßt alle, die lebensweltlich in oder zwischen
zwei Welten leben und sich bewegen - in der Kunst und der Wissenschaft, der Theologie
und der Philosophie, der Theorie und der Praxis, dem Geist und der Materie
usw.
Maurice Halbwachs15 hat der Arbeiterklasse eine Begrenzung auf das ‘Bearbeiten
der Materie’ zugesprochen, damit strukturell für diese ein Pendeln zwischen zwei
Welten als unmöglich angesehen.
14 Alfred Gulden, Nur auf der Grenze bin ich zu Haus, in: Richard Faber und Barbara Naumann
(Hg.), Literatur der Grenze, Würzburg 1995, S. 137-146.
15 Vgl. Maurice Halbwachs, La classe ouvrière et les niveaux de vie, Paris 1913.
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