Full text : "Grenzgänger"

-  Seit  dem  Ende  der  70er  Jahre  verzeichnet  das  Saarland  eine  ansteigende  Wanderungsbewegung
  französischer  Arbeitskräfte  ins  Saarland.  1995  hatten  ca.  17500
Arbeitnehmer  mit  Wohnsitz  in  Lothringen  ein  sozialversicherungspflichtiges  Arbeitsverhältnis
  im  Saarland.  Grenzgänger/innen  stellen  damit  knapp  fünf  Prozent
der  im  Saarland  beschäftigten  Personen.  Hinzu  kommen  zusätzlich  ca.  4000  bis
5000  Personen,  die  als  „geringfügig  Beschäftigte“  in  der  Statistik  der  Arbeitsverwaltung
  nicht  erfaßt  werden.  Rund  die  Hälfte  der  französischen  Arbeitskräfte  sind
Frauen.
-  Zum  überwiegenden  Teil  (70%)  arbeiten  die  Grenzgänger/innen  in  sektoralen  und
qualifikationsspezifischen  Teilarbeitsmärkten,  die  stark  konjunkturanfällig  sind
(Automobilindustrie,  Stahlindustrie,  feinkeramische  Industrie,  Baugewerbe).  Nur
ein  Viertel  ist  im  Dienstleistungsbereich  beschäftigt.
-  An  interkulturellen  Kompetenzen  bringen  diese  Grenzgänger/innen  vor  allem  die
Zweisprachigkeit  mit  ein,
-  Grenzgänger/innen  werden  häufig  unter  ihrem  Qualifikationsniveau  eingesetzt.
„Grenzgänger/innen  in  Vollbeschäftigung  (sind)  zum  Teil  überqualifiziert  und
(üben)  eine  der  Schulbildung  entsprechende  unterwertige  Tätigkeit  aus“.13
Zum  Zwecke  einer  soziologischen  Typologie  lassen  sich  folgende  Aspekte  ausmachen:

1.  Grenzgänger/innen  bilden  eine  künstlich  geschaffene  soziale  Kategorie,  die  nur
aufgrund  von  arbeits-  und  sozialversicherungspflichtigen  Gründen  homogen
wirkt.
2.  Konstituierender  Faktor  dieser  kategorialen  Gruppe  ist  außerdem  das  Überschreiten
  einer  nationalen  Grenze.
3.  Soziologisch  dürfte  von  Bedeutung  sein,  daß  die  Grenzgänger/innen  einen  Raum
verlassen,  um  in  einen  anderen  geographischen  und  anderen  sozialen  Raum  zu  gehen,
  daß  sie  aber  in  den  Ausgangsraum  regelmäßig  zurückkehren.
2.  In  dem  folgenden  zweiten  Teil  möchte  ich  die  Frage  einer  soziologischen
Typologie  des  Grenzgängers/der  Grenzgängerin  systematischer  betrachten.
Umgangssprachlich  und  in  den  verschiedenen  Wissenschaftsdisziplinen  wird  unter
der  Bezeichnung  Grenzgänger/in  kein  einheitliches  Phänomen  erfaßt.  Man  kann  fünf
Bedeutungsdimensionen  ausmachen,  denen  ich  jeweils  ein  Bild-Modell  zuordne:
(1) Das  „Storchen-Modell“:  Es  drückt  die  Bedeutung  aus:  „auf  der  Grenze  stehen
oder  auf  der  Grenze  sein“.  Grenzgänger/innen  wären  ihm  zufolge  Menschen,  die  sich
mehr  oder  weniger  lange,  jedoch  vorübergehend,  auf  einer  Grenze  befinden,  gleichsam
  in  einem  unentschiedenen  Zustand.  Die  Situation  ist  unbequem.  Sie  ließe  sich
positiv  aufheben,  indem  man  die  Grenze  überschreitet,  einen  Schritt  nach  vorwärts
hin  zu  dem  angestrebten  Ziel  machte.  Äußere,  meist  nicht  im  Willen  der  handelnden
Person  liegende  Gründe,  z.B.  staatliche  Einreisebestimmungen,  verhindern  eine  sol¬13

 CDR  /  ISOPLAN,  Grenzgängerinnen  im  Raum  Saarland-Lothringen.  Eine  statistisch-analytische
  Bestandsaufnahme  zur  Arbeits-  und  Lebenssituation  weiblicher  Grenzgänger,
Metz  und  Saarbrücken  1996,  II.

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