Idee mitnehmen, daß für die unterschiedlichsten Sozial-, Kultur- und Berufskontakte,
in die Grenzgänger/innen eintreten, die Bewertungen und Einschätzungen der
Grenzgänger/innen unerläßlich sind - sowohl die Fremdeinschätzung als auch die
Selbsteinschätzung. Überhaupt stellt sich die Frage, ob bei längerfristiger Überschreitung
zentraler Grenzen (nationalstaatlicher, kultureller - z. B. Sprachgrenzen)
die Grenzgänger/innen eine Verlagerung ihrer Beziehungen und Orientierungen
nach außen vornehmen. Und damit komme ich zu dem dritten Aspekt (c), dem Typus
des Grenzgängers/der Grenzgängerin, die im Ausland einer Beschäftigung nachgehen.
In der Bundesrepublik spielt dieser Typus eine besondere Rolle, weil hier wegen
der geopolitischen Mittellage und der europäischen Integration Mitglieder der Anrainerstaaten
eine Beschäftigung stark nachfragen. Die EU-Verordnung 140/71 definiert:
Grenzgänger ist „jeder Arbeitnehmer oder Selbständige, der seine Berufstätigkeit
im Gebiet eines Mitgliedsstaates ausübt und im Gebiet eines anderen Mitgliedstaates
wohnt, in das er in der Regel täglich - mindestens aber wöchentlich zurückkehrt“.
Die in Deutschland arbeitenden Französinnen und Franzosen stellen die größte
Gruppe dar.11 Aufgrund der Richtlinien und Abkommen über die Besteuerung
wird das Grenzgebiet, in dem eine Erwerbstätigkeit ausgeübt wird, regional begrenzt:
- für Grenzgänger mit Wohnsitz in Deutschland gilt ein Radius von 30 km (d.h. u.a.
das Saarland),
- auf französischer Seite gilt als Grenzraum u.a. das gesamte Departement Moselle.
Für eine soziologische Typologie sind die Kriterien des berufsbedingten Grenzübertritts
und vor allem der Beibehaltung des Wohnortes, damit der Seßhaftigkeit, interessant.
Grenzgänger/innen halten sich weiterhin nicht dauerhaft in der anderen Gesellschaft
auf, wodurch sie sich von den echten Migranten/mnen unterscheiden.
Gleichwohl haben wir es mit einer Form der Arbeitsmigration zu tun.
Bei den Untersuchungen über Grenzgänger/innen, die mir bekannt sind, handelt es
sich um statistisch-analytische Bestandsaufnahmen und/oder einfache Befragungen -
ohne ausdrücklichen Theoriebezug oder hypothesengenerierende Ansprüche. Die in
meinem Institut soeben fertiggestellte Teilstudie über 'Grenzgänger’ im Rahmen einer
„Befragung zum grenzüberschreitenden Qualifizierungsbedarf in saarländischen
Betrieben und Arbeitsstätten“* 12 macht da auch keine Ausnahme. Um den Umfang
des Problems zu veranschaulichen, werde ich zunächst einige wenige Angaben zu
dieser Gruppe machen:
- Die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten als Grenzarbeitnehmer/innen
umfaßten 1991 in Deutschland rund 42000 Personen, darunter ca. 28000 aus
Frankreich.
- Deutsche Grenzarbeitemehmer/innen spielen nur in der Schweiz und in Luxemburg
und in geringerem Maße in Dänemark eine Rolle.
" Vgl. Heinz Werner, Beschäftigung von Grenzarbeitnehmem in der Bundesrepublik, in:
Mitteilungen der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 1 (1993). - Die innerstaatliche Pendlerproblematik
lasse ich hier unbeachtet.
12 Vgl. Marie-Luise Gries, Sabine Ohnesorg, Ronald Westheide, Frankreichbezüge und
grenzüberschreitender Qualifizierungsbedarf kleiner und mittlerer Betriebe im Saarland,
Institut für praxisorientierte Forschung und Bildung, Saarbrücken 1997.
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