Full text : "Grenzgänger"

fern  er  Handlungen  und  Einstellungen  auf  der  Basis  homogener  materieller  Existenzbedingungen
  homogenisiert.  Er  entgrenzt  damit  das,  was  gemeinhin  mit  Subjektivität
  bezeichnet  wird,  zu  einer  Vielheit,  die  nun  wiederum  als  Einheit  umgrenzt  ist,  um
sich  von  anderen,  als  Einheiten  umgrenzten  Vielheiten  abzugrenzen.  Darüber  hinaus
homogenisiert  der  Geschmack  auch  Handlungen  und  Einstellungen  über  unterschiedliche
  Praxisfelder  zu  einem  einheitlichen  Stil  und  sorgt  so  dafür,  daß  die  Einwie
  Ausgrenzungen  den  gesamten  sozialen  Raum  erfassen.  Geschmack  „als  Modus
der  sozialen  Grenzziehung“6  ist  bei  grenzüberschreitenden  Gruppen  überhaupt  noch
nicht  untersucht  worden.7
Die  ethnographisch  orientierte  Phänomenologie  der  Grenze  und  ihrer  Überwinder
(b),  wie  sie  spannend,  materialreich,  lebensnah  R.  Girtler  in  verschiedenen  Studien
beschreibt,  verfährt  anders  als  der  typologisierende  oder  klassifizierende  Ansatz  von
Bourdieu,  der  die  alltägliche  Soziowelt  zum  Entwurf  nimmt;  Girtler  hebt  auf  die  außergewöhnlichen
  Fälle  ab,  wo  Menschen  von  den  Grenzen  angezogen,  ihr  Durchbrechen
  und  listenreiches  Überschreiten  oder  auch  Negieren  bewerkstelligen:  Schmuggler,
  Flüchtlinge,  fahrendes  Volk  aller  Art  und  Spione  sind  seine  Forschungssubjekte.8
Er  analysiert  sie  auf  dem  Hintergrund  ihrer  jeweiligen  subkulturellen  Dispositionssysteme.
  Dadurch  gelingt  es  ihm,  diese  „Außeralltäglichkeit“  primär  nicht  als  Abweichung
  zu  thematisieren,  obwohl  er,  freilich  in  einem  eher  positiv  aufwertenden  Verständnis,
  von  „Randkulturen“  und  den  Formen  ihrer  „Unanständigkeit“  zu  sprechen
gehalten  ist.9
Für  eine  Soziologie  des  Grenzgängers/der  Grenzgängerin  liefert  Girtler  eine  Fülle
von  Grenzdefinitionen  und  ihrer  Funktionen  hauptsächlich  unter  Verwendung  eines
dualistischen  Konzeptes,  wie  anständig  -  unanständig,  drinnen  -  draußen.  Häufig
handelt  es  sich  dabei  um  Grenzen  von  Werten,  Normen,  Meinungen,  Lebensführungen
  usw.,  die  verletzt,  nicht  eingehalten,  negiert  werden.  Es  lassen  sich  aber  schwerlich
  verallgemeinerbare  Schlußfolgerungen  aus  Girtlers  Beschreibung  ziehen.  Die
These  von  den  Wandernden  und  Fahrenden  als  „Kulturträgern“  bedürfte  genauso  einer
  empirischen  Überprüfung  wie  die,  daß  der  Seßhafte  einer  solchen  Innovation  wegen
  seiner  „oft  kleinlichen  Grenzen“  unfähig  sei.  Mir  scheint,  daß  diese  potentielle
und  auch  nachgewiesene  Funktion  des  kulturellen  Innovators10  in  unzulässiger  Weise
  auf  den  „Fremden“  schlechthin  übertragen  wird.  Girtler  regt  völlig  zu  Recht  hingegen
  an,  die  kulturellen  Traditionen  und  Grundlagen  des  modernen  Typus  des  Grenzgängers/der
  Grenzgängerin  zu  untersuchen,  der  ja  zumindest  teilweise  als  seßhaft  betrachtet
  werden  muß.  Ebenso  würde  ich  aus  diesen  ethnographischen  Fallstudien  die

6  Sigrun  Anselm,  Grenzen  trennen,  Grenzen  verbinden,  in:  Richard  Faber  und  Barbara  Naumann
  (Hg.),  Literatur  der  Grenze,  Würzburg  1995,  S.  208.
7  Erste  Ansätze  finden  sich  bei  B  Bröskamp  1993,  der  die  ethnischen  Grenzen  des  Geschmacks
  am  Beispiel  der  türkischen  Minderheit  in  der  Bundesrepublik  mit  Hilfe  des  Bourdieuschen
  Theoriekonzepts  untersucht:  Bernd  Bröskamp,  Ethnische  Grenzen  des  Geschmacks,
  in:  Gunter  Gebauer  und  Christoph  Wulf  (Hg.),  Praxis  und  Ästhetik.  Neue  Perspektiven
  im  Denken  Pierre  Bourdieus,  Frankfurt  a.M.  1993.
8  Vgl.  Roland  Girtler,  Schmuggler:  Von  Grenzen  und  ihren  Überwindern,  Linz  1992.
9  Vgl.  Roland  Girtler,  Randkulturen:  Theorie  der  Unanständigkeit,  Wien,  Köln  1995.
10  Vgl.  Thomas  Bargatzky,  Die  Rolle  des  Fremden  beim  Kulturwandel,  Hamburg  1978.

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