Full text : "Grenzgänger"

dem  eine  soziologische  Tatsache,  die  sich  räumlich  formt“.2  In  dem  „Exkurs  über  die
soziale  Begrenzung“  wird  das  für  unser  Thema  wichtige  Element  der  Begrenzung  in
der  Teilhabe  am  kollektiven  Geschehen  angesprochen.  Aufgrund  der  Interessen-Abgrenzungen
  in  einem  gegebenen  Raum  erfolgt  wirknotwendig  eine  Grenzziehung
nach  einem  zu  definierenden  Merkmal  des  Dazugehörens  oder  Nicht-Dazugehörens.
Die  Ausführungen  von  Simmel  über  die  Folgen  für  die  Wechselwirkungen  von  wandernden
  Gmppen  und  ihren  räumlichen  und  sozialen  Bedingungen  liefern  eine  weitere
  Überlegung  hinsichtlich  der  Grenzgänger/innen:  Handelt  es  sich  um  eine  wandernde
  Gruppe  mit  einer  besonderen  Struktur?  Welche  soziologischen  Grundzüge  -
Simmel  zählt  dazu  Individualisierung,  Isolierung,  Suche  nach  neuen  Integrationsstützen
  -  zeichnen  die  Grenzgänger/innen  aus?  Welche  Auswirkungen  hat  das  grenzüberschreitende
  Wandern  auf  die  „sedentäre  Gruppe“?
Pierre  Bourdieu  reflektiert  die  Grenzfrage  zunächst  einmal  im  Sinne  der  soziologischen
  Erkenntnistheorie,  die  unterstellt,  daß  der  soziale  Akteur  von  unbewußten
Kräften  und  sozialen  Bedingungen  in  seinem  Handeln  begrenzt  wird.  Die  Untersuchung
  dieses  Begrenzungssystems  gilt  ihm  daher  als  wichtigste  Aufgabe  der  Soziologie.
  Er  benutzt  als  zentrales  Erklärungsmodell  den  Habitus.  Habitus  wird  verstanden
  als  ein  „System  von  Dispositionen“,  was  zur  Folge  hat,  daß  soziologisch  von  einer
  gesellschaftlichen  Prädetermination  des  Akteurs  ausgegangen  werden  muß.
Denn  Habitusformen  definiert  Bourdieu  als  „Systeme  dauerhafter  Dispositionen,
strukturierte  Strukturen,  die  geeignet  sind,  als  strukturierende  Strukturen  zu  wirken,
mit  anderen  Worten:  als  Erzeugungs-  und  Strukturierungsprinzip  von  Praxisformen
und  Repräsentationen“.3  Der  Habitus  gibt  damit  die  Grenzen  vor,  innerhalb  derer
Gmppen,  Schichten,  Klassen  und  Individuen  die  Formen  und  Inhalte  des  Fühlens,
Wollens  und  Handelns  gestalten  können.  Habitus  ist  demnach  ein  „System  von  Grenzen“
  hinsichtlich  der  Handlungs-,  Wahmehmungs-  und  Denkmatrix.4
Für  eine  generelle  Soziologie  des  Grenzgängers/der  Grenzgängerin  müßte  auf  Bourdieu
  vertiefend  eingegangen  werden,  denn  er  bietet  eine  Analyse  für  soziales  Handeln
  und  Spielraumnutzen  trotz  spezifischer  Begrenzungen,  eine  Analyse  für  Grenzumgehungen
  bzw.  Grenzüberschreitungen  im  sozialen  Feld  und  Raum  durch  individuelle
  Handhabung  des  Lebensstils.  Weiterhin:  Im  Gefolge  der  seit  der  Aufklärungsphilosophie
  anwachsenden  Diskussion  um  die  Aufhebung  von  Grenzen  und  der  mit
der  anderen  Moderne,  der  Postmodeme  einsetzenden  Entgrenzung  von  tradierten
Klassen-  und  lebensweltlichen  Strukturen  halte  ich  Bourdieu  mit  seiner  Theorie  des
Geschmacks  als  einer  Theorie  der  Abgrenzung  für  bedeutsam.5  Geschmack  ist  ein
wichtiges,  hinter  der  Phänomenebene  der  Wahrnehmung  von  Gesellschaft  liegendes
Moment  der  Sozio-Logik.  Er  entpuppt  sich  als  zentrale  Dirigierungsstelle  in  und  hinter
  dem  System  der  Klassifizierungen.  Er  ist  grenzziehend  und  grenzbildend,  inso¬2

  Georg  Simmel,  Soziologie,  Leipzig  1908,  S.  623.
Pierre  Bourdieu,  Entwurf  einer  Theorie  der  Praxis,  Frankfurt  a.M.  1976,  S.  165.
4  Zu  Bourdieu  darf  ich  auf  die  Arbeiten  meines  Schülers  Markus  Schwingel  verweisen:  Markus
  Schwingel,  Analytik  der  Kämpfe.  Macht  und  Herrschaft  in  der  Soziologie  Bourdieus,
Hamburg  1993  und  Markus  Schwingel,  Bourdieu  zur  Einführung,  Hamburg  1995.
5  Vor  allem  Pierre  Bourdieu,  Die  feinen  Unterschiede.  Kritik  der  gesellschaftlichen  Urteilskraft,
  Frankfurt  a.  M.  1982.

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