jedoch meist kritischer Ergänzung, auch einer Überprüfung bedürfen. Daß hierbei
den Literaturwissenschaften eine besondere Bedeutung zukommt, sollte herausgestellt
werden. Die Beiträge von Helga Abret und Hans-Jürgen Lüsebrink dokumentieren
dies.
Wie lassen sich die recht aufschlußreichen Beiträge über sorbische Grenzgängerphänomene
in das Gesamtthema einordnen? Spezifische sorbische Grenzgänger gab es
nur vorübergehend nach dem Zweiten Weltkrieg, als Sorben über die Grenze vorzugsweise
in die Tschechoslowakei, aber auch nach Polen gingen, um dort Schulen
und Universitäten zu besuchen oder geregelter Arbeit nachzugehen. Den slawischen
Nachbarstaaten wies man Patronatsfunktionen für das eigene Volk zu, also für die
autochthonen sorbischen Bevölkerungsgruppen im deutschen Staatsverband, und
trotz nur kurzfristiger Intensität in den wechselseitigen Beziehungen ergab sich seine
“herausragende Bedeutung für die gesamte kulturelle Nachkriegsentwicklung für das
sorbische Volk” (Ludwig Elle). Sie lag vornehmlich in der Stärkung des ethnischen
Selbstbewußtseins und der kulturellen Eigenständigkeit, die durch stetes Wechseln
zwischen zwei geschlossenen Kulturen, der “sorbischen Innen- und deutschen Außenwelt”,
anhaltend gefährdet wurde und bleibt (Cordula Ratajczak), aber auch ein
“Wandern zwischen den Identitäten mehr erzwingt als nur ermöglicht”. - Könnte hier
bereits eine paradigmatische Bedeutung für ein sich einigendes Europa aufleuchten?
Beim Aufwerfen dieser Frage ist nicht einmal daran gedacht, daß gerade die slawischen
Sorben beispielhafte Resistenzformen entwickelt und bewiesen haben zur Erhaltung
ihrer ethnischen und kulturellen Identität in einem anderen Kultur- und Siedlungsraum.
Noch umfassender hat diesen Aspekt der Soziologe betont, wenn er meinte, daß “in
einer Welt, die wirtschaftlich zunehmend durch Globalisierung, politisch durch supra-nationale
Organisationen und sozio-kulturell durch Regionalisierung” gekennzeichnet
ist, “auch die Prozesse der Ent-grenzung fortschreiten” werden. Hans Leo
Krämer diente die Kategorie des Grenzarbeitnehmers als Vorlage zur Konstruktion
eines besonderen Typus des künftigen Grenzgängers, der vermutlich eine spezifisch
moderne Lebensform repräsentieren, eine neue Existenzform darstellen werde.
Eine resümierende Schlußbetrachtung sollte schließlich herausstellen, daß die
Grenzgängerthematik nicht nur aktuell ist, sondern eine beachtliche historische Dimension
zeigt, die weit in frühere Jahrhunderte zurückreicht (Reinhard Schneider).
Es handelt sich zudem um eine sehr farbige Thematik, deren Bedeutung und Konsequenzen
noch längst nicht überschaubar sind. Daher sollte das Gesamtphänomen intensiver
untersucht und beobachtet werden, was von vielen Wissenschaftszweigen zu
leisten wäre: Interdisziplinärst und Internationalst sind gefordert, zusätzlich die
kleinräumige Analyse. Denn in der Grenzgängerthematik könnten sich künftige
Strukturen des kulturellen wie politischen und ökonomischen Miteinanders bereits
abzeichnen, beispielsweise im europäischen Kontext.
Schlüsse, die auf eine Verallgemeinerung abzielen, wird man vorerst nur sehr vorsichtig
ziehen dürfen, denn der Forschungsstand ist noch längst nicht befriedigend.
Auch bei der Saarbrücker Tagung vom Mai 1997 konnte das Gesamtproblem nur in
Teilbereichen angerissen werden, sehr viele Fragen bleiben offen. Doch scheint sich
das bewußt eingegangene Risiko, für das Symposiumsthema eine offene Formulierung
zu wählen und lakonisch “Grenzgänger” (mit An- und Abführungszeichen) zu
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