Full text : "Grenzgänger"

Wicklungsmöglichkeiten  sorgfältig  zu  beachten,  zumal  sie  weitreichende  und  nur
schwer  kontrollierbare  Auswirkungen  haben  dürften.
Im  Beitrag  über  “Grenzgänger  an  der  deutsch-polnischen  Grenze”  (Stefan  Kaluski)
lassen  sich  derartige  Entwicklungen  ahnen,  wenn  an  die  offene  Ostgrenze  Polens  erinnert
  wird.  Die  grenzübergreifenden  Projekte  der  sog.  Euro-Regionen  können  derartige
  Probleme  nicht  auffangen,  so  begrüßenswert  sie  für  die  Regelung  der  gemeinsamen
  Interessen  diesseits  wie  jenseits  der  Oder  sind.  Für  Stefan  Kaluskis  Beitrag  ergeben
  sich  interessante  Parallelen,  wenn  Christian  Schulz  Grenzgänger  “von  Amts  wegen”
  behandelt  und  das  zielstrebig  geknüpfte  Netz  kommunaler  grenzüberschreitender
  Zusammenarbeit  im  Saar-Lor-Lux-Raum  analysiert.  Es  scheint,  als  zeige  sich  in
dieser  Region  gegenüber  dem  Land  beiderseits  der  Oder  nicht  nur  ein  erheblicher
Vorsprung  an  Erfahrung  und  Umsetzung  kommunalen  Willens,  sondern  als  spiegele
sich  manches  exemplarisch  für  den  großen  Bereich  der  EU.  Freilich  bezieht  sich  die
untersuchte  Thematik  vorrangig  auf  die  Verwaltungsebene  mit  ihren  gewiß  vielfältigen
  Komponenten.  Doch  die  Überwindung  mentaler,  psychologischer  und  durch  Geschichtsbewußtsein
  und  längerfristige  Erfahrungen  geprägter  Gegensätze  läßt  sich
noch  nicht  erfassen.  Immerhin  zeigen  “linguistische  Erfahrungen  in  Saar-Lor-Lux”
(Andreas  Schorr),  daß  zweisprachige  Grenzgänger  bevorteilt  sind  und  daß  dem  Dialekt
  in  dieser  Grenzregion  nahezu  die  Funktion  einer  Ersatz-  oder  Zweitsprache  zukommen
  kann.
Trotz  der  gebotenen  Differenzierung  von  “Grenzgängern”,  die  sich  in  den  angedeuteten
  Definitionen  und  Beschreibungsansätzen  niederschlägt,  ist  es  angebracht,  methodische
  Grundfragen  wenigstens  knapp  anzuschneiden.  Sie  betreffen  das  Überlieferungsproblem
  und  dabei  vornehmlich  die  Verfügbarkeit  über  entsprechende  Zeugnisse
  für  das  uns  interessierende  Phänomen.  Michael  Oberweis  hat  diesen  Zusammenhang
  sehr  deutlich  angesprochen  mit  dem  Hinweis,  daß  der  Typus  des  Grenzgängers
  vornehmlich  der  Lebenssphäre  der  sog.  Kleinen  Leute  zuzuordnen  sei,  deren
Daseinsbedingungen  üblicherweise  außerhalb  des  Wahmehmungshorizonts  beispielsweise
  der  mittelalterlichen  Schriftquellen  liegen.  Diese  fehlende  “Perspektive”
mag  auch  für  spätere  Zeiten  gelten  oder  dann  mindestens  partielle  Bedeutung  haben.
Am  Beispiel  von  “Ketzerboten  als  Grenzgängern”  gelang  nun  aber  der  Nachweis,
daß  es  Ausnahmen  geben  kann,  wenn  etwa  der  Vorwurf  der  Häresie  ins  Spiel  kommt
und  hochkirchliches  bzw.  kuriales  Interesse  entsteht.  Aufgrund  des  Postulats  der
“Wachsamkeit”  gegenüber  religiösen  Abweichlern  waren  die  kirchlichen  Behörden
in  solchen  Fällen  zu  intensiver  Recherche  und  Dokumentation  verpflichtet  (Michael
Oberweis).  Es  bliebe  zu  prüfen,  ob  ähnliche  Sonderfälle  auch  für  andere  historische
Phasen  ermittelbar  sind,  die  eine  blasse  Überlieferung  zu  ergänzen  oder  fehlende  zu
ersetzen  vermögen.
Gleichwohl  bleibt  zu  beachten,  daß  für  Grenzgänger  der  Typus  der  “Kleinen  Leute”
bis  in  die  Moderne  bestimmend  bleiben  könnte  und  daß  die  grundsätzliche  Überlieferungsproblematik
  dann  bliebe.  Nur  bei  relevanten  Auswirkungen  darf  deshalb  mit
amtlichen  Regelungen  und  Aktenüberlieferung  gerechnet  werden.  Aus  methodischen
  Gründen  erhalten  daher  eher  zufällige  Zeugnisse,  zu  denen  literarisch  verdichtete
  Überlieferungsformen  treten  können,  für  die  Grenzgängerthematik  einen  besonderen
  Rang.  Dies  gilt  selbst  für  die  allerjüngste  Vergangenheit,  obwohl  für  sie  verschiedentlich
  sogar  amtliche  Statistiken  vorliegen,  die  aus  der  Sicht  des  Historikers

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