Full text : "Grenzgänger"

2.1.  Erste  Phase:  1965-1980

Man  könnte  diese  Phase  folgendermaßen  überschreiben:  Öffnung  des  luxemburgischen
  Arbeitsplatzes  zu  seinen  Nachbarn  und  rasches  Aufkommen  der  Grenzgängerarbeit
  in  Luxemburg.
Luxemburg  hat  eine  lange  Immigrationsgeschichte,  da  das  Land  seit  Beginn  der  Industrialisation
  auf  ausländische  Arbeitskraft  angewiesen  ist.  Ende  des  19.  Jahrhunderts
  sind  60  %  der  Stahlarbeiter  im  Süden  des  Landes  Ausländer.  Mitte  des  20.  Jahrhunderts
  müssen  dann  massiv  Arbeitskräfte  ins  Land  einwandem,  um  Luxemburg
nach  dem  Krieg  wieder  aufzubauen.  Erst  mit  der  Erdölkrise  von  1973  merkt  die  Regierung,
  daß  sie  mit  diesem  Immigrationsmodell  am  Ende  ist.
Zuviele  Probleme  kommen  auf,  wenn  fast  30  %  Ausländer  in  Luxemburg  wohnhaft
sind:  Wohnungsmangel  und  überzogene  Immobilienpreise,  Schulinfrastrukturprobleme,
  Sprachprobleme,  Integrationsprobleme,  Rassismus  u.  a.  In  dieser  engen  Situation
  erscheinen  die  Grenzgänger  als  bewußte  oder  zum  Teil  unbewußte  Lösung:
Sie  benötigen  keine  Wohnungen,  keine  Schulen,  sie  verlangen  kein  politisches  Mitspracherecht
  und  dazu  bereichern  sie  noch  das  Land  mit  ihrem  Wissen  und  ihrer  Arbeit.
  Wir  können  Anfang  der  siebziger  Jahre  das  Grenzgängerphänomen  als  eine  Art
Folge  der  Einwanderungen  bzw.  Immigration  sehen.
Von  1966  an  bremst  die  Luxemburger  Regierung  offiziell  die  Immigration.  Nur  Familienangehörige
  der  Eingewanderten  können  noch  ins  Land  kommen.  Luxemburg
braucht  jedoch  importierte  Arbeitskräfte,  da  nicht  genug  Menschen  im  Arbeitsalter
vorhanden  sind:  Das  Land  muß  sich  folglich  seinen  direkten  Nachbarländern  öffnen.
Bemerken  wir  hier,  daß  dieses  -  gewiß  simplifizierte  -  Immigrationsschema  sich  anfangs
  der  neunziger  Jahren  wiederum  verändert  hat.  Heute  kommen  Einwanderer
und  Grenzgänger  auf  einem  zum  Teil  überlasteten  Arbeitsmarkt  zusammen,  was
nicht  zuletzt  zu  erheblichen  Spannungen  führt.
Anfang  der  siebziger  Jahre  öffnet  sich  Luxemburg  durch  offizielle  Maßnahmen  gegenüber
  seinen  drei  Nachbarländern  Belgien,  Frankreich  und  der  Bundesrepublik.
-  Luxemburg  öffnet  zuerst  seine  Grenzen  dem  belgischen  Nachbarn:  Schon  1921
hatten  Luxemburg  und  Belgien  eine  Wirtschaftsunion  unterschrieben.  Deshalb  haben
  beide  Länder  bis  heute  noch  diesselbe  Währung.  1944  wird  die  BENELUX  gegründet.
  Sie  ist  ein  Zollabkommen,  das  das  Alltagsleben  der  Grenzgänger  sehr  vereinfacht.
  1970  kommt  das  Gesetz  hinzu,  daß  jede  Steuer  an  der  Quelle  bezahlt  werden
  muß,  also  in  Luxemburg.  Hingegen  zahlt  Luxemburg  Belgien  eine  Steuerentschädigung.

-  Es  folgt  die  Öffnung  zu  Frankreich:  Luxemburg  und  Frankreich  unterschreiben
1958  Steuerabkommen,  die  1970  modifiziert  werden.  Letzteres  Abkommen,  das  eine
doppelte  Besteuerung  verhindern  soll,  tritt  1973  in  Kraft.  Der  Grenzgänger  wird  von
jetzt  an  in  Luxemburg  besteuert,  wo  die  Einkommenssteuer  höher  ist  als  in  Frankreich.
  Dennoch  werden  die  Grenzgänger  französischer  Herkunft  immer  zahlreicher
auf  dem  Luxemburger  Arbeitsmarkt.  Heute  machen  sie  über  die  Hälfte  der  Grenzgänger
  aus.
-  Kommen  wir  schlußendlich  zur  gesetzlichen  Öffnung  gegenüber  der  Bundesrepublik:


198
            
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