Full text: "Grenzgänger"

chenfrage pragmatischer als Männer.’6 
Drei Fragen nach Problemfeldem sollten offen beantwortet werden, um den befrag¬ 
ten Grenzgängern größeren Raum für die Formulierung eigener Erfahrungen und 
Wünsche zu geben. Zuerst wurde nach Negativerfahrungen im sprachlichen Kontakt 
mit dem Nachbarland gefragt. Dies wurde meist verneint, mitunter sogar entschie¬ 
den. Es gab aber auch bestätigende Antworten, die überwiegend von tendenziell ein¬ 
sprachigen Personen mit passiven Fremdsprachenkenntnissen kamen. Im Klartext 
heißt dies, daß sich Saarländer sowie frankophone Lothringer und Belgier am ehesten 
über Diskriminierungen wegen ihrer Sprache beklagten. 
Ein Gefühl von Diskriminierung kann aber auch aus einem vermeintlich aufgezwun¬ 
genen Gebrauch der Nachbarsprache erwachsen. Ein frankophoner Techniker aus 
Volstroff/Wolsdorf bei Diedenhofen, der in Saarlouis arbeitet, antwortete trotzig: 
Nein, da ich gezwungen bin, mich immer auf deutsch auszudrücken, wird der Deut¬ 
sche keine Anstrengung machen, um französisch zu reden! Lernt er es überhaupt?16 17 
Eine allgemein pessimistische Einschätzung des sprachlichen Entgegenkommens 
zeichnet ein in Luxemburg arbeitender Krankenpfleger aus dem lothringischen Het- 
tange-Grande/Großhettingen: 
Es genügt, daß man vorgibt, die Sprache des besuchten Landes nicht zu beherrschen, 
und schon lernt man die wahre Mentalität der Einheimischen kennen, welches Land 
es auch sei. Mit Sprachkenntnis dagegen verschafft man sich Respekt.18 
Ein frankophoner, in Luxemburg arbeitender Ingenieur aus dem belgischen Auban- 
ge/Ibingen unterstellt sogar böse Absichten beim Gebrauch der Landessprache: 
Ja, die Luxemburger reden mehr und mehr luxemburgisch, damit man nicht verste¬ 
hen kann, was sie sagen.19 
Eine Büroangestellte aus Belgisch-Luxemburg, ebenfalls frankophon und mit Ar¬ 
beitsplatz in Luxemburg-Stadt, beschwerte sich allgemein über sprachliche Anforde¬ 
rungen bei der Arbeitssuche: 
16 Zur stärkeren sprachlichen Anpassung von Frauen in Richtung auf das Französische in wal¬ 
lonischen Dörfern Neubelgiens vgl. Persoons / Versele (wie Anm, 9) S. 13. Die Autoren 
sind der Meinung, daß Frauen ‘empfindlicher sind für die Sprache, die mit den einflu߬ 
reichsten ‘Triebkräften’ der Gesellschaft assoziiert wird’. Für eine kombinierte Betrach¬ 
tung von Geschlecht und Klasse anhand des Materials einer Kopenhagener Studie, einepo- 
lyculturalperspective different from the idea of a single dimension correlating with a unidi¬ 
mensional linguistic variable, plädiert Inge Lise Pedersen, Sociolinguistic Classification in 
a Gender Perspective, in Wolfgang Viereck (Hg,), Verhandlungen des internationalen Dia- 
lektologenkongresses. Bamberg, 29.7.-4.8.1990, Bd. 4 (Zeitschrift für Dialektologie und 
Linguistik, Beihefte Nr. 77), Stuttgart 1995, S. 106-117. Regionale Unterschiede zwischen 
flämischen und niederländischen Orten bei geschlechtsspezifischen Dialekteinstellungen 
konstatiert Johan Taeldeman, Linguistic Sex Defferentiation in Flanders, in Viereck (Hg.), 
wie oben, S. 411 -423. 
17 Non, car obligé de m’exprimer toujours en allemand, l’allemand ne fera pas l’effort de par¬ 
ler français! L’apprend-il? 
18 II suffit de feindre d’ignorer la langue du pays visité et on apprend à connaître la vraie men¬ 
talité des gens (indigènes) quel que soit le pays. La connaissance de la langue force le re¬ 
spect. 
19 Oui, les Luxembourgeois parlent de plus en plus luxembourgeois pour qu’on ne comprenne 
pas ce qu’ils disent. 
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