Full text : "Grenzgänger"

Daß  die  Dialekte  sich  behaupten  werden,  war  für  die  Hälfte  der  Gruppe  fraglich,  für
die  Jüngeren  mehr  als  für  die  Älteren.  Etwa  je  ein  Viertel  antwortete  mit  Ja  oder  Nein.
Die  negativen  Einschätzungen  kamen  vor  allem  von  Grenzgängern,  die  nach  Luxemburg
  empendeln,  was  auf  die  schwächere  Stellung  der  Dialekte  im  Diedenhofener
Land  und  im  Arelerland  hinweist.  Von  den  Frauen  kamen  keine  Neinstimmen.  Die
Aussage  hingegen,  daß  die  Dialekte  nur  noch  von  Alten  gesprochen  würden,  wurde
sehr  unterschiedlich  bewertet.  Knapp  mehr  als  die  Hälfte  stimmte  ihr  zu,  die  bewußten
  Dialektsprecher  verneinten  sie  und  nur  ein  Befragter  zeigte  sich  unentschieden.
Die  Neinstimmen  kamen  vor  allem  von  germanophonen  Grenzgängern  aus  Lothringen
  und  aus  Rheinland-Pfalz.  Fast  alle  Befragten  waren  der  Ansicht,  daß  Deutsch
und  Französisch  auch  in  Zukunft  die  Verkehrssprachen  in  der  Saar-Lor-Lux-Region
seien.
Im  Anschluß  sollten  sich  die  befragten  Grenzgänger  zu  den  zuerst  von  André  Weckmann
  aufgestellten  Forderungen  für  eine  deutsch-französische  Bilingua-Zone  äußern.
  Der  Elsässer  Schriftsteller  hatte  sie  1991  für  das  Saarland,  Rheinland-Pfalz,  Baden,
  das  Elsaß  und  das  Moseldepartement  in  Lothringen  erhoben.13  Mittlerweile
wurden  diese  Forderungen  von  einem  europäischen  Jugendverband,  dem  Landesverband
  Saar  der  Jungen  Europäischen  Föderalisten,  auf  die  Saar-Lor-Lux-Region  ausgeweitet.14
  In  diesem  Sinne  wurden  die  Fragen  formuliert.
Die  Fordemng  nach  einer  durchgängig  zweisprachigen  Beschilderung  in  Saar-Lor-Lux
  wurde  von  einer  Zweidrittelmehrheit  der  befragten  Grenzgänger  befürwortet.
Die  Gegenstimmen  kamen  von  den  nationalsprachlich  Orientierten  und  in  größerer
Zahl  von  den  bewußten  Zwei-  und  Mehrsprachigen,  die  eine  solche  Beschilderung
wegen  ihrer  eigenen  Kenntnisse  wohl  nicht  für  notwendig  hielten.  Eine  zweisprachige
  Beschriftung  von  Hinweisschildern  richtet  sich  tendenziell  an  die  Einsprachigen
und  verletzt  zudem  bislang  strikt  abgegrenzte  Sprachterritorien,  indem  sie  ihre  schon
vielfach  praktizierte  Überwindung  oder  Unterwanderung,  je  nach  Einstellung,  symbolisch
  aufhebt.  Auch  dies  mag  Widerstand  provozieren.
Daß  alle  Schüler  in  Saar-Lor-Lux  Deutsch  und  Französisch  lernen  sollten,  wurde  fast
ohne  Ausnahme  befürwortet.  Nur  drei  Männer  sprachen  sich  dagegen  aus,  zwei  frankophone
  Lothringer  sowie  ein  germanophoner  Lothringer  aus  der  Gruppe  der  nationalsprachlich
  Orientierten.  Die  weitergehende  Fordemng,  daß  Deutsch  und  Französisch
  in  allen  Teilen  von  Saar-Lor-Lux  Amtssprachen  werden  sollten,  erhielt  einen
etwas  geringeren  Zuspruchswert,  doch  bekam  sie  eine  überraschende  Zweidrittelmehrheit.
  Fast  alle  befragten  Frauen  stimmten  der  Fordemng  zu,  während  von  den
befragten  Männern  nur  eine  knappe  Mehrheit  damit  einverstanden  war.  Die  Neinstimmen
  kamen  in  erster  Linie  von  Frankophonen  und  von  Rheinland-Pfälzem.
Schließlich  sollten  sich  die  Grenzgänger  noch  zur  Rolle  des  Englischen,  das  als  die
wichtigste  internationale  Verkehrssprache  bei  sprachenpolitischen  Fragestellungen
ja  nicht  ausgeklammert  werden  kann,  äußern.  Die  Aussage,  daß  auch  Englisch  eine

13  André  Weckmann,  Plädoyer  für  eine  deutsch-französische  Bilingua-Zone.  Plaidoyer  pour
une  zone  bilingue  franco-allemande,  Strasbourg  1991.  Abdruck  der  deutschen  Version  in:
LiLi.  Zeitschrift  für  Literaturwissenschaft  und  Linguistik  83  (1991)  S.  108-116.
14  Saar-Lor-Lux.  Eine  Region  in  Europa.  Une  région  européenne.  Grundsatzprogramm  der
Jungen  Europäischen  Föderalisten  Landesverband  Saar,  Saarbrücken  1995,  S.  10.

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