Full text : "Grenzgänger"

wohner  des  Rhemtales  das  erste  Mal  richtig  bewußt,  daß  am  Rhein  eine  Staatsgrenze
verläuft,  die  jederzeit  abgeriegelt  werden  kann.  Denn  bis  zu  diesem  Zeitpunkt  konnte
die  Grenze  ohne  jegliche  Formalität  überschritten  werden”.25
Im  weiteren  Sinn  zu  den  Pendelwanderem  rechnete  Marcel  Banz  1964  “die  deutschen
  und  französischen  Grenzgänger  auf  dem  baselstädtischen  Arbeitsmarkf  Dabei
  wies  er  auf  einen  neuralgischen  Punkt  insofern,  als  die  Grenzgänger  “bis  in  die
30er  Jahre  ...  überhaupt  nirgends  statistisch  erfaßt  worden”  sind.  Dies  könnte  über  die
Schweiz  hinaus  gelten;  “erst  seit  1949  werden  alljährlich  Mitte  Februar  durch  das
[Schweizer]  Bundesamt  für  Industrie,  Gewerbe  und  Arbeit  (Biga)  Erhebungen  über
die  kontrollpflichtigen  Arbeitskräfte  durchgefuhrt,  die  auch  die  Grenzgänger  miteinschließen;
  seit  1955  finden  diese  Erhebungen  ebenfalls  im  August  statt,  damit  auch
die  saisonalen  Schwankungen  erfaßt  werden  können”.26
Grenzgängerprobleme  am  Hochrhein  von  den  Landkreisen  Müllheim  rheinaufwärts
bis  Konstanz  untersuchte  1957  Hans  Weber  in  seiner  Freiburger  Dissertation,27  und
von  Freiburg  aus  hat  dann  auch  Bernhard  Mohr  1982  den  Grenzgängerverkehr  zwischen
  Elsaß  und  der  Region  Südlicher  Oberrhein  detailliert  untersucht  und  dabei  betont
  die  Interessen  der  Industrie-  und  Handelskammer  Südlicher  Oberrhein  mit  berücksichtigt,
  ein  Umstand,  der  überaus  deutlich  macht,  daß  Grenzgängerverkehr
nicht  nur  rechtliche  Probleme  aufwirft,  sondern  vor  allem  ökonomische  und  daß  er
entsprechenden  Handlungsbedarf  zeitigt.28
Der  sehr  knappe  kursorische  Überblick  sollte  deutlich  gemacht  haben,  daß  ein
“Grenzgängertum”  auch  in  historischer  Perspektive  faßbar  ist,  es  sich  in  der  Gegenwart
  also  nicht  um  ein  ganz  neues  Phänomen  handelt.  Dies  läßt  zugleich  die  Vermutung
  zu,  daß  manche  geisteswissenschaftlichen  Disziplinen  zur  weiteren  Analyse  des
Phänomens,  insbesondere  seiner  vielfältigen  Ausprägungsmöglichkeiten,  beitragen
können.  Die  nachfolgenden  Beiträge  werden  es  verdeutlichen.  Nur  knapp  soll  noch
einmal  herausgestellt  werden,  was  mit  Grenzgängern  gemeint  ist  und  was  nicht  oder
kaum:
Dieser  Begriff  scheint  in  allgemeinerer  Bedeutung  in  Mode  zu  kommen,  wenn  in  literarischen
  Zusammenhängen  von  “Grenzgängern  zwischen  Illusion  und  Realität”,
zwischen  “Fiktion  und  Wirklichkeit”,  von  “Grenzgängern  der  Moderne”  gesprochen
oder  aber  Nikolaus  von  Kues  unlängst  als  “ein  Grenzgänger  zwischen  mittelalterlicher
  Glaubensreflexion  und  neuzeitlich-philosophischem  Denken”  behandelt  wird.  -
Uns  geht  es  vor  allem  um  das  Überschreiten  sozusagen  konkreter  Grenzen,  also  in
der  Regel  um  Staats-  und  Ländergrenzen.  Insofern  spielen  das  sogenannte  Pendler-25

  Peter  Mensburger,  Die  Vorarlberger  Grenzgänger  (Alpenkundliche  Studien  III),  Innsbruck
1969,  S.36.
2b  Marcel  Banz,  Die  deutschen  und  französischen  Grenzgänger  auf  dem  baselstädtischen  Arbeitsmarkt,
  Diss.  Basel  1964,  S.l.
27 Hans  Weber,  Probleme  der  Grenzgänger  am  Hochrhein.  Eine  Untersuchung  des  Grenzgängerverkehrs
  zwischen  Deutschland  und  der  Schweiz  unter  besonderer  Berücksichtigung
der  Landkreise  Müllheim,  Lörrach,  Säckingen,  Waldshut  und  Konstanz,  Staatswissenschaftl.
  Diss.  Freiburg/Br.  1957,
Bernhard  Mohr,  Elsässische  Grenzgänger  in  der  Region  Südlicher  Oberrhein  (Industrieund
  Handelskammer  Südlicher  Oberrhein,  Sitz  Freiburg),  1982.

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