Full text: "Grenzgänger"

Frankophone, aber auch Deutschsprachige. Sie bilden eine Minderheit von etwa 
einem Siebtel der Befragten. 
2. Die Pragmatiker der Zweisprachigkeit. 
Sie stellen mit mehr als der Hälfte der Befragten die größte Gruppe dar. Vorwie¬ 
gend zweisprachig sozialisierte Lothringer, die Zweisprachigkeit in der Familie 
und in der Öffentlichkeit praktizieren, gehören dazu. Ein Teil hat ein sehr differen¬ 
ziertes Sprachwahlverhalten, andere halten sich in der Öffentlichkeit dem oben 
genannten Muster folgend an die Nationalsprachen. Die Rolle der Dialekte wird 
optimistisch gesehen und die Zustimmungsrate zu den sprachpolitischen Forde¬ 
rungen ist sehr hoch. Der Blick richtet sich auf das Französische und das Deut¬ 
sche, während eine wichtige Rolle für das Englische von einigen abgelehnt wird. 
3. Die Dialektbewußten. 
Diese Untergruppe der Bilingualen teilt deren Auffassungen zu den sprachpoliti¬ 
schen Forderungen. Kennzeichnend ist, daß sich ihre Mitglieder positiv zu den 
Dialekten äußern, die Zukunft der Dialekte jedoch stark gefährdet sehen. Die Ori¬ 
entierung ist kleinräumiger als bei den Bilingualen, was sich auch daran ablesen 
läßt, daß sie weniger andere Dialekte im Saar-Lor-Lux-Raum kennen als diese. 
Der englischen Sprache wird überdies eine untergeordnete Rolle für die Zukunft 
in der Großregion zugesprochen. Die Mehrzahl hat ein niedriges Ausbildungsni¬ 
veau, es befinden sich sich aber auch Grenzgänger mit gehobener Ausbildung dar¬ 
unter. Ihr ist etwa ein Fünftel der Befragten zuzurechnen. 
4. Die Multilingualen. 
Diese Gruppe, etwa ein Siebtel der Befragten, wird in der Hauptsache von gut aus¬ 
gebildeten Grenzgängern mit Arbeitsplatz in Luxemburg-Stadt oder Saarbrücken 
gebildet. Sie beherrschen neben Französisch, Deutsch und Luxemburgisch auch 
Englisch, zuweilen Wallonisch und Italienisch, und sie wenden diese Sprachen im 
Beruf und im Privatleben an. Die Einschätzung hinsichtlich der eigenen Kompe¬ 
tenz in den Sprachen ist sehr hoch. Ebenso ist die Zustimmungsrate zu den sprach¬ 
politischen Fordemngen hoch, insgesamt jedoch etwas niedriger als bei den Prag¬ 
matikern der Zweisprachigkeit. Die Übertragung des Modells Luxemburg mit sei¬ 
ner staatlich garantierten und in der Praxis gelebten Triglossie auf die gesamte 
Saar-Lor-Lux-Region erscheint nicht allen in dieser Gruppe ohne weiteres mög¬ 
lich oder wünschenswert zu sein. Die Mehrsprachigkeit gehört für sie zur indivi¬ 
duellen, indes nicht unbedingt zur kollektiven Identität. 
Die Einteilung der Spracheinstellungen in verschiedene Kategorien wurde aus Ant¬ 
worten zu standardisierten Fragen ermittelt. Zuerst wurde die Einschätzung der eige¬ 
nen sprachlichen Kompetenz in verschiedenen Dialekten und Sprachen erfragt. Es 
sollte der Grad der Sprachbeherrrschung in Hochdeutsch, Französisch, Luxembur¬ 
gisch, deutschem Dialekt, Wallonisch und Englisch auf einer fünfstufigen Skala von 
‘sehr guf bis ‘überhaupt nicht’ eingeordnet werden. Alle Befragten gaben Kenntnis¬ 
se in mehreren Sprachen und Dialekten an. Überraschend oft sahen sie ihre eigene 
Kompetenz als ‘sehr guf an, und das meist für mehrere Sprachen. Einige stuften ihre 
Kompetenz in keiner Sprache als ‘sehr guf ein. Wer sich höchstens die Note ‘gut’ 
vergab, zeigte damit ein problematisierendes Sprachbewußtsein, denn wer mehrere 
Sprachen spricht, kann - linguistisch wertneutral gesehen - in jeder Sprache Interfe¬ 
renzen verursachen. Das sprachliche Umfeld sanktioniert diese als Fehler. Die Lu¬ 
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