Full text : "Grenzgänger"

on  davon25,  daß  von  einem  Verschwinden  der  ethnischen  Differenz  nicht  die  Rede
sein  kann:  Sie  ist  heute  präsent  in  Selbst-  und  Fremdzuschreibungen  als  sorbisches
Dorf;  sie  ist  präsent  in  individuellen  Selbstbezeichnungen,  in  der  Diskussion  der  Legitimation
  solcher  Selbstbeschreibung.  Das  Sorbische  ist  gegenwärtig  im  individuellen
  Bezug  auf  eine  Kultur,  „die  man  eigentlich  liebt“,  auf  die  eigene  Muttersprache,
die  man  für  ungut  hält,  auf  eine  Sprachunterrichtsgemeinschaft  im  sorbischen
Sprachunterricht,  an  der  man  (freiwillig)  teilnehmen  muß,  um  nicht  aufzufallen  -
kurz  es  gibt  die  verschiedensten  Formen,  in  denen  auf  Sorbisches  Bezug  genommen
wird.  In  den  sozialistisch  aufwachsenden  Generationen  werden  Möglichkeiten  genutzt,
  die  die  Anerkennung  des  Sorbischen  innerhalb  der  Nationalitätenpolitik  reflektieren:
  sorbischer  Sprachunterricht,  sorbische  Kulturveranstaltungen,  die  Möglichkeit,
  sich  sorbische  Nationalität  im  Personalausweis  bestätigen  zu  lassen.  Sorbische
  Identität  wird  aber  auch  genausogut  zurückgewiesen  und  auf  Vertreter  der  traditionellen
  Generation  projiziert,  welche  sich  selbst  zuweilen  paradoxerweise  lediglich
als  ‘wendischsprechende  Deutsche’  verstehen26.  Diese  Ambivalenz,  die  jenseits  einer
  eindeutigen  kulturellen  Selbstidentifikation  dennoch  die  Gegenwärtigkeit  einer
anderen,  die  deutsche  Normalität  brechende  Perspektive  beinhaltet,  ist  der  Punkt  der
Diskussion.  Von  einer  durch  Nicht-Ambivalenz  gekennzeichneten  deutschen  Sicht
aus  gewinnt  das  Sorbische  als  anderes  selbst  dann  Realität,  wenn  eine  substantielle
Identifikation  wegbricht.  Die  von  zugezogenen  Deutschen  vorgenommene  Identifikation
  der  Mühlroser  als  Sorben  funktioniert,  indem  sie  die  Präsenz  des  Sorbischen
in  den  Ambivalenzen  als  eindeutig  anderes  qualifiziert,  das  sich  deutlich  von  der  eigenen
  Nicht-Ambivalenz  abhebt.  Auf  der  anderen  Seite  betont  die  schlichte  Verweigerung,
  sich  auf  einer  Seite  der  ethnischen  Grenze  selbst  zu  verorten,  wie  Jens  Adam
die  Haltung  einer  Schieiferin  interpretiert  hat27,  die  Differenz  zu  „richtigen  Deutschen“,
  „Eigentliches  Sorbischsein“  der  Herkunft  und  Lebenserfahrung  nach  in
Kombination  mit  „deutscher  Kultur“  ist  das  Spannungsfeld,  in  dem  diese  persönliche
Nicht-Festlegung  stattfmdet,  und  in  dem  sich  die  Transformation  von  einer  Kulturund
  Lebensweise-Definition  zu  einer  symbolischen  Setzung  der  Differenz  innerhalb
einer  Relation  artikuliert.  Als  Analyse-Horizont  erscheint  vor  diesem  ambivalenten
Hintergrund  das  Konzept  eines  sorbischen  Diskursfeldes  angemessen,  wie  Jens
Adam  es  empirisch  in  der  Nachzeichnung  verschiedener  innerer  und  äußerer  Diskurse
  um  das  Sorbischsein  Schleifes  herausgearbeitet  hat  und  ebenso  die  kulturanthropologische
  Theorieentwicklung  der  letzten  Jahre  nahelegt:  Wie  Werner  Schiffauer
rekapituliert,  wird  Kultur  „immer  häufiger  als  Diskursfeld  (...)  konzipiert,  als  eine

25  Für  den  Sorabisten  Helmut  Faßke  ist  das  „  nicht  geringe  Anwachsen  der  Sorbischsprechenden
  in  der  jüngeren  Generation“,  festgestellt  anhand  einer  1988  durchgeführten  Befragung
in  einer  Nachbargemeinde  Mühlroses,  „ein  deutlicher  Beweis  für  die  Wirksamkeit  des  sorbischen
  Sprachunterrichts  in  der  früheren  DDR.“  Gleichzeitig  macht  Faßke  auf  die  Nichtübereinstimmung
  von  sorbischer  Sprachfähigkeit  und  Bekenntnis  zur  sorbischen  Nationalität
  aufmerksam,  vgl.  Helmut  Faßke  (wie  Anm.  12)  S.  34.
26  Vgl.  Cordula  Ratajczak,  Sorben  oder  Nicht-Sorben.  Facetten  einer  Ambivalenz,  in:  Skizzen
  aus  der  Lausitz  (wie  Anmerkung  10)  S.  233f.
27  Vgl.  Jens  Adam,  Was  macht  Schleife  sorbisch?  Vom  lokalen  Umgang  mit  einem  regionalen
  Identitätsmuster,  in:  Skizzen  aus  der  Lausitz  (wie  Anmerkung  10)  S.  196.

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