Full text : "Grenzgänger"

Cordula  Ratajczak

Zwischen  „sorbischer  Innen-  und  deutscher
AUSSENPERSPEKTIVE“.  GRENZ-WERTE  EINER  MISCHKULTUR  IM
Lausitzer  Braunkohlentagebaugebiet

1. „Sei  bissei  stolz  uff  das  Wendsche  ooch!“
Mein  Beitrag  zu  diesem  Grenzgänger-Symposium  wird  die  Frage  behandeln,  wie
kulturelle  bzw.  ethnische  Grenzen  definiert  und  verhandelt  werden,  wenn  man  nicht
auf  rechtsstaatlich-nationale  Grenzen  zurückgreifen  kann.
Der  Slawist  und  Literaturwissenschaftler  Walter  Koschmal  setzt  sich  in  seinem
Leitaufsatz  des  Readers  „Perspektiven  sorbischer  Literatur“  (zwar  kurz,  aber  prägnant)
  mit  einem  Grenzfall  sorbischen  Literaturschaffens  auseinander,  dem  dreibändigen
  autobiographischen  Roman  „Der  Laden“  von  Erwin  Strittmatter.  Der  von  Koschmal
  als  „Mischling“1  gekennzeichnete  und  sich  im  Roman  selbst  als  „Halbsorbe“
bezeichnende  Strittmatter1 2  habe  damit  der  „sorbisch-deutschen  Mischkultur  ein  beredtes
  Denkmal  gesetzt“3.  Diese  im  Roman  „als  so  reich  gezeichnete  sorbisch-deutsche
  Mischkultur“,  fährt  er  fort,  harre  bislang  gänzlich  der  Erforschung  in  den  verschiedensten
  Disziplinen.
Ich  möchte  mich  im  folgenden  aus  einer  kulturanthropologischen  Perspektive  einer
solchen  sorbisch-deutschen  Mischkultur  nähern.  Die  „halbsorbische  Heimat“  Strittmatters4
  der  zwanziger  und  dreißiger  Jahre,  im  Roman  als  „Bossdom“  benannt  und
auf  der  Landkarte  als  Bohsdorf  zu  finden,  liegt  nur  ein  paar  Ortschaften  weiter  nördlich
  von  jenem  Dorf,  in  dem  ich  1995  eine  fünfmonatige  Feldforschung  unternommen
  habe,  Miloraz/Mühlrose:  Einige  Male  kommt  der  Ich-Erzähler  des  Romans  auch
nach  Schleife,  dem  Kirchdorf  des  Kirchspiels  Schleife,  zu  dem  auch  Mühlrose  gehört.
  Während  meines  Aufenthaltes  gehörte  der  Roman  zu  meiner  Abendlektüre.  Ich
hatte  ihn  von  einem  gebürtigen  Mühlroser  empfohlen  bekommen,  der  sich  offenbar
gut  mit  den  Schilderungen  Strittmatters  über  das  Leben,  die  Verhältnisse  und  den
Wandel  der  Zeiten  in  Bossdom  identifizieren  konnte:  Der  Roman  schien  Repräsentationsfunktion
  übernehmen  zu  können  (inwieweit  er  was  für  wen  repräsentieren  kann,
werde  ich  hier  allerdings  nicht  zu  klären  versuchen).
Zwei  Punkte  hebt  Koschmal  für  Strittmatters  „spezifische  Mischung  von  sorbischer
Innen-  und  deutscher  Außenperspektive“5  hervor,  an  die  ich  in  meinen  weiteren  Aus¬1

  Walter  Koschmal,  Perspektiven  sorbischer  Literatur,  in:  Perspektiven  sorbischer  Literatur,
hg.  von  Walter  Koschmal,  Köln  u.a.  1993,  S.  33.
2  Erwin  Strittmatter,  Der  Laden.  Erster  Teil,  Berlin  1994,  S.  43.
1  Koschmal  (wie  Anm.  1)  S.  31.
4  Strittmatter  (wie  Anm.  2)  S.  527.
5  Koschmal  (wie  Anm.  1)  S.  33.

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