Full text : "Grenzgänger"

ner  neuen  freien  Entwicklung  angetreten  ist,  erfordert.“11  Für  die  geordnete  Rückkehr
  werden  folgende  Bitten  ausgesprochen:
1.  mit  Genehmigung  der  tschechischen  und  sowjetischen  Behörden  gemeinsam  und
legal  in  die  SBZ  zurückkehren,  zuvor  alle  anstehenden  Angelegenheiten  in  der
Tschechoslowakei  klären  und  allen  persönlichen  Besitz  in  angemessenem  Umfang
  mitnehmen  zu  dürfen,
2.  daß  bis  zur  Rückkehr  keine  Umsiedlungen  von  Sorben  aus  den  Grenzregionen  in
das  Landesinnere  erfolgen,  wie  das  vielfach  angesichts  der  deutschen  Staatszugehörigkeit
  ungeachtet  der  slawischen  Herkunft  gefordert  wurde,
3.  daß  den  sorbischen  Studenten  nach  Bestätigung  ihrer  slawischen  Gesinnung  im
Geiste  der  neuen  Zeit  der  weitere  Aufenthalt  in  der  Tschechoslowakei  ermöglicht
werde,
4.  daß  ausgewählten  Spezialisten  der  Verbleib  in  der  Tschechoslowakei  und  die  Integration
  in  die  gesellschaftlichen  Strukturen  des  Landes  ermöglicht  werde.
Diese  Erklärung  entsprach  einem  Beschluß  des  Hauptsekretariats  der  Domowina  in
Bautzen  zur  Aufforderung  nach  Rückkehr  in  die  Lausitz.  1950  war  der  überwiegende
Teil  der  Sorben  in  die  Lausitz  zurückgekehrt.
2.2.3. Alltagsprobleme  der  Grenzgänger  in  der  Tschechoslowakei
Der  Alltag  der  in  der  Tschechoslowakei  lebenden  Sorben  ist  bisher  kaum  beschrieben.
  Es  existieren  nur  einige  Zeitschriftenbeiträge  und  in  der  sorbischen  Tageszeitung
  wiedergegebene  Erinnerungen.  1995/96  hat  die  Museologin  Hanka  Fascyna,  die
als  Schülerin  selbst  in  der  Tschechoslowakei  weilte,  eine  Ausstellung  über  das  Sorbische
  Gymnasium  von  Vamsdorf  zusammengestellt.  Über  die  Lebensumstände  der  in
der  Tschechoslowakei  weilenden  sorbischen  Arbeitskräfte  liegen  bisher  noch  keine
zusammenfassenden  Informationen  vor.
Aus  Erlebnisberichten  und  Darstellungen  geht  hervor,  daß  die  Sorben  vor  allem  in
Rumburk,  Ceska  Lipa  und  Vamsdorf  ein  durchaus  vielfältiges  und  reichhaltiges  sorbisches
  kulturelles  Leben  entfalteten.  Es  umfaßte  nicht  nur  Vereinsleben,  Bildungsveranstaltungen
  und  künstlerische  bzw.  volkskünstlerische  Aktivitäten,  sondern
auch  die  Herausgabe  von  Zeitungen  und  die  Ausstrahlung  sorbischsprachiger  Rundfunksendungen.

Die  sorbischen,  oft  jugendlichen  Grenzgänger,  waren  in  der  Regel  straff  organisiert
und  reglementiert,  zuletzt  durch  die  Domowina  in  der  Tschechoslowakei.  Natürlich
blieb  es  nicht  aus,  daß  zuweilen  ein  etwas  lockerer  Lebenswandel  geführt  wurde,  es
zu  Liebschaften  kam  oder  Eheprobleme  auftraten  und  Unterhaltsverpflichtungen  in
der  Lausitz  nicht  eingehalten  wurden,  illegal  nach  Deutschland  gereist  wurde,  Kontakte
  mit  Sudetendeutschen  aufgenommen  wurden,  bestimmte  Vereinbarungen  und
Verbote  nicht  eingehalten  wurden.  Da  die  Sorben  als  „Repräsentanten  des  Sorbentums“
  galten,  wurde  in  solchen  Fällen  rigoros  eingeschritten,  nicht  selten  wurden  die
Betroffenen  in  die  Lausitz  zurückgeschickt  und  ihnen  der  Domowina-Ausweis  abgenommen.
  Gegenüber  den  tschechoslowakischen  Behörden  setzten  sich  die  Repräsentanten
  der  Domowina  bei  weniger  schwerwiegenden  Delikten  dafür  ein,  auf  eine
strafrechtliche  Verfolgung  zu  verzichten.

11  SKA,  AkteD  II  4.2.  C,  Bl.  51  f.

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