Full text : "Grenzgänger"

In  besonders  enger  Weise  entwickelte  sich  das  Verhältnis  zur  Tschechoslowakei.
Dies  hatte  nicht  nur  ähnliche  politische  und  historische  Hintergründe  wie  in  der  Zeit
nach  dem  Ersten  Weltkrieg,  sondern  wurde  darüber  hinaus  noch  von  weiteren  Faktoren
  beeinflußt:  Aus  dem  tschechisch-deutschen  Grenzgebiet  wurden  1945/46  die  Sudetendeutschen
  ausgesiedelt.  Somit  entstand  in  Nordböhmen  ein  besonders  großer
Bedarf  an  Arbeitskräften.  Andererseits  führte  die  soziale  Notlage  in  der  von
Kriegseinwirkungen  sehr  stark  betroffenen  deutsch-sorbischen  Lausitz  zu  einem
nicht  unbeträchtlichem  Interesse  an  Arbeitsmöglichkeiten  im  Nachbarland.
Diese  politischen  und  wirtschaftlichen  Hintergründe  ließen  zwischen  1945  und  1948
ein  durchaus  beachtliches  Maß  an  Grenzgängen  unter  den  Sorben  entstehen.  Die
Grenzgänger  lassen  sich  im  wesentlichen  in  die  nachfolgenden  Gruppierungen  einordnen:

1.  Sorbische  Arbeitskräfte,  die  mit  Vermittlung  sorbischer  und  tschechischer  Stellen
im  Grenzgebiet  tätig  waren.
2.  Sorbische  Schüler  und  Studenten,  die  mit  Vermittlung  durch  die  Domowina,  die
Außenstelle  des  Sorbischen  Nationalrats  in  Prag  oder  seitens  tschechischer  Stellen
eine  Ausbildung  erhielten.
3.  Sorbische  Lehrer  und  einzelne  sorbische  Geistliche,  die  zur  Betreuung  der  sorbischen
  Schüler  in  der  Tschechoslowakei  eingesetzt  waren.
4.  Sorbische  Grenzgänger,  die  sich  unter  Umgehung  der  tschechisch-sorbischen  Vereinbarungen
  privat  Arbeitsstellen  im  tschechischen  Grenzgebiet  suchten.
5.  Kinder,  die  zwischen  1945  und  1948  zu  längeren  Ferienaufenthalten  in  die  Tschechoslowakei
  gebracht  wurden3.
6.  Einige  ausgesiedelte  Sudetendeutsche,  die  unter  Vorgabe  einer  sorbischen  Herkunft
  eine  Rückkehrmöglichkeit  in  die  verlorene  Heimat  suchten.
7.  Sorben,  die  bereits  vor  1945  in  die  Tschechoslowakei  kamen  und  in  der  Regel  nicht
im  Grenzgebiet,  sondern  in  Prag  oder  anderen  Städten  lebten.
Die  beiden  letztgenannten  Gruppen  dürften  zahlenmäßig  klein  gewesen  sein.  Die
Zahl  der  sorbischen  Schüler,  Studenten  und  Arbeiter  unter  den  Grenzgängern  zwischen
  der  Sowjetischen  Besatzungszone  und  der  Tschechoslowakei  machte  mehrere
Tausend  Personen  aus4.
Das  tschechische  Gebiet,  in  welches  der  größte  Teil  der  Grenzgänger  einströmte,  war
relativ  begrenzt  und  lag  in  der  Stadt  und  der  Region  um  Liberec,  den  grenznahen
Kleinstädten  Vamsdorf  und  Rumburk  und  in  Ceska  Lipa  sowie  in  Sluknov.  Aus  der
Lausitz  gingen  vor  allem  Sorben  aus  der  Region  um  Kamenz,  Hoyerswerda  und
Bautzen  in  die  Tschechoslowakei,  wenige  kamen  aus  der  Region  um  Schleife  (bei
Weißwasser)  und  nur  vereinzelte  (etwas  mehr  als  100)  aus  der  Niederlausitz  in  Brandenburg.
  Neben  Schulbesuch  und  Berufsausbildung  waren  die  Grenzgänger  in  ver¬3

  Es  handelte  sich  um  Kindergruppen  von  jeweils  mehreren  Hundert  Kindern,  die  bis  zu  drei
Monaten  im  Nachbarland  weilten.
4  In  Publikationen  zu  dieser  Problematik  finden  sich  keine  verläßlichen  Angaben.  Nach  Martin
  Kasper  dürfte  jedoch  eine  Zahl  von  weit  über  1000  Sorben  als  realistisch  angenommen
werden.  Vgl.  Martin  Kasper,  Wliw  ¿¿skoslowakskich  februarskich  podawkow  1948  na
Serbow,  in:  Rozhlad  28  (1978)  2  S.  48.

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