Full text : "Grenzgänger"

publikanischen  Frankreich  und  zugleich  eine  Abwertung  vor  allem  der  preußisch  geprägten
  deutschen  Kultur  enthielten.
Die  historische  Singularität  des  ‘Falles  Waltz’  liegt  zum  einen  in  der  Verknüpfung
von  pragmatischer  Kreativität  -  beispielsweise  in  der  Werbeästhetik  -  und  zum  Teil
äußerst  polemischen  literarischen  und  publizistischen  Ausdrucksformen;  und  zum
anderen  in  einem  kulturellen  Grenzgängertum,  das  weder  zu  verbinden  noch  im  eigentlichen
  Sinn  zu  vermitteln,  sondern  das  neue  kulturelle  Grenzziehungen  gezielt  in
den  Köpfen  und  damit  in  den  kollektiven  Mentalitäten  zu  verankern  suchte.  Zugleich
läßt  sich  Waltz  zeitgenössischen  kulturellen  Strömungen  und  Diskursformen  zuordnen,
  die  sein  eigenes,  spezifisches,  individuelles  Profil  deutlich  hervortreten  lassen.
Sein  Werk  steht  in  enger  Beziehung  zur  patriotischen  Literatur  und  Publizistik  der
Dritten  Republik,  etwa  eines  Maurice  Barrés  und  Alphonse  Daudet,  in  denen  es  jedoch
  durch  die  Zweisprachigkeit  des  Autors  und  seine  biographische  Verankerung  in
zwei  Kulturen  eine  singuläre  Außenseiterposition  einnahm.  Hinsichtlich  der  folkloristischen
  Darstellung  des  Elsaß,  seiner  ästhetischen  Konstruktion  und  massenwirksamen
  Verbreitung  einer  gleichermaßen  idyllischen  und  patriotischen  Darstellung  der
elsässischen  regionalen  Identität,  unter  anderem  in  Kinder-  und  Jugendbüchern,  steht
er  im  Diskurskontext  der  neuen  Schulbuchgeneration  der  Jahre  1880-1914,  etwa  des
Tour  de  la  France  par  deux  enfants  von  1877,  die  in  einer  für  Frankreich  charakteristischen
  Weise  Nationalismus  und  regionalen  Patriotismus  verknüpfte.  Die  Zelebrierung
  der  “Grande  Nation“  erfolgte  hier,  wie  Anne-Marie  Thiesse  anhand  der  Untersuchung
  der  regionalen  Schulbuchproduktion  der  Dritten  Republik  nachgewiesen
hat,  durch  die  ‘Erfindung’  der  “Petites  Patries”,  das  heißt  die  patriotische  Idealisierung
  und  zugleich  Folklorisierung  der  französischen  Provinzen  und  ihrer  Regionalkulturen.
  “L’accent  sur  la  connaissance  du  local  comme  préalable  à  la  véritable  connaissance”,
  so  die  These  von  Anne-Marie  Thiesse,  “est  en  effet  en  relation  avec  la
nouvelle  définition  de  l’identité  française  élaborée  dès  les  débuts  de  la  Troisième
République  et  abondamment  vulgarisée  dans  les  décennies  suivantes.”23  Auch  wenn
Waltz  in  sprachlicher  -  durch  den  Gebrauch  der  deutschen  Sprache  -  und  in  ästhetischer
  Hinsicht  deutliche  Akzente  setzte,  ordnet  sich  sein  Werk  somit  in  einen  spezifischen
  kulturellen  Kontext  ein:  die  kulturelle  und  schulische  Emeuerungsbewegung
des  Beginns  der  französischen  Dritten  Republik,  die  sich  durch  einen  militanten  Patriotismus
  auszeichnet.
Mit  der  Zeitgebundenheit  eines  Großteils  seines  Werkes,  das  in  dieser  Hinsicht  eng
mit  dem  nationalistischen  Diskurs  der  Dritten  Republik  verknüpft  erscheint,
kontrastiert  in  geradezu  frappierender  Weise  seine  breite  massenkulturelle  und  vor
allem  touristische  Rezeption  im  Frankreich  der  Gegenwart.  Motive  und  Texte  von
Jean-Jacques  Waltz  sind  auf  Tellern  und  Postkarten  zu  sehen,  auf
Schlüsselanhängem  und  Schmuckkästchen;  mehrere  seiner  illustrierten  Bildbände,
unter  anderem  Le  Paradis  tricolore,  haben  in  den  letzten  Jahrzehnten  beständige
Neuauflagen  erlebt;  und  sein  Schriftsteller-  und  Künstlerpsyeudonym  “Hansi”
fungiert  als  geradezu  emblematischer  Name  mehrerer,  mit  Motiven  seiner  Werke
dekorierter  volkstümlicher  Restaurants,  unter  anderem  in  Paris  am  Boulevard  du

23 Anne-Marie  Thiesse,  Ils  apprenaient  la  France.  L’exaltation  des  régions  dans  le  discours
patriotique,  Paris  1997,  130  S.,  hier  S.  3.

122
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.